Tag Archives: Groundhog Lodge

Dave Adam – Der Grundsau-Haabtmann

Dave Adam mit seiner Frau Dorothy im Jahr 2022 auf der “Porch” beim Kutztown Folk Festival

Eine Würdigung

Dave Adam muss ich Anfang der 2000er Jahre bei einer Grundsau Lodsch Versammling kennengelernt haben. Ganz genau weiß ich das nicht. In diesen Jahren stand er noch nicht so im Mittelpunkt der Veranstaltungen wie heute. 2005 übernahm Lee Haas die Aufgabe, die 17 pennsylvanisch-deutschen Grundsau Lodsches zu führen, von Carl D. Snyder (1924-2007), und wann Dave Adam im Anschluss an Lee diese Aufgabe zufiel, erinnere ich gerade nicht. Es könnte um 2015 herum gewesen sein. Jetzt ist er jedenfalls DER Grundsau-Haabtmann aller 17 verschiedenen Lodsches.

Ab 2010 besuchte ich öfter das Folk Festival. Das hatte ich in den ersten Jahren meiner USA-Besuche vermieden, weil Juli einfach keine sehr gute Zeit für eine Reise nach Pennsylvania ist: zu heiß, zu feucht. Aber es hilft ja nichts: Wer die Menschen treffen will, muss dorthin gehen, wo die Menschen sind. So besuchte ich in den den letzten 15 Jahren immer wieder „es Fescht“ und konnte beobachten, wie Dave die Aktivitäten des Dachverbands der 17 Groundhog Lodges sukzessive ausbaute. Zunächst als Gremium gegründet, die Termine des Lodges zu koordinieren und pennsylvanisch-deutsche Sprachkurse anzubieten, sind die Aktivisten mittlerweile nah bei den Leuten und zeigen sich öffentlich. Beim Kutztown Folk Festival haben sie eine eigene kleine „Porch“ (Veranda) als Bühne, auf der Künstler und Sprecher auftreten. Ansonsten sind sie immer ansprechbar und singen im Kreis mit den Menschen pennsylvanisch-deutsche Lieder. Diese Ausweitung des Marketings ist sicher ein Verdienst von Dave Adam.

Dave Adam bei der Grundsau Lodsch Noummer Ains (Nr. 1) im Februar 2024 – im Video sind auch Keith Brintzenhoff, Patrick Donmoyer, Edward Quinter, Bill Mack, Al Zentner und Brad Smith zu sehen

Doch bereits die Gründung der „Groossdaadi Grundsau Lodsch“ in den 1980er Jahren war richtungsweisend gewesen. Denn es fehlt der Mundartszene in Pennsylvania insgesamt Struktur, Organisation, Absprache – und eine gemeinsame Richtung, in die man marschieren möchte, um zum Spracherhalt beizutragen. Hier haben die „Grundsau Brieder“ zumindest für den Bereich ihrer Aktivitäten Beispielhaftes geleistet. Und mit der Einführung von Sprachkursen sorgten sie auch dafür, dass nachwachsende Interessenten die Mundart der Vorfahren lernen konnten – um den Versammlungen in Pennsylvanisch-Deutsch überhaupt folgen zu können.

Struktur, Organisation, Absprache und eine gemeinsame Richtung, in die man marschieren möchte, fehlen heute in Pennsylvania noch immer. Viele leisten einen Beitrag zum Spracherhalt, entwickeln Aktivitäten – aber das meiste läuft unkoordiniert und verpufft als Einzelmaßnahme. Frank Kessler und ich haben spätestens ab dem Jahr 2000 immer wieder auf diesen Umstand hingewiesen, und letztlich ist die Gründung des Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreises e.V. (DPAK) in Deutschland ein Reflex auf diesen Mangel gewesen. Wenn es in Pennsylvania nicht funktioniert, schaffen wir eben bei uns in der Pfalz eine Organisation, die die Aktivitäten der Pennsylvania-Deutschen untereinander und die Menschen in den USA und Deutschland vernetzt. Das hat eigentlich ganz gut funktioniert, und unser Arbeitskreis mit seinen rund 60 Mitgliedern wird 2028 seinen 25. Geburtstag feiern.

Dave Adam beim Kutztown Folk Festival (2022)

Frank und ich sind aber nicht müde geworden, auch in Pennsylvania die Gründung einer „steering group“ – einer Lenkungsgruppe – anzuregen. Deshalb freuen wir uns um so mehr, dass nach mehreren von uns organisierten DPAK-Treffen in Pennsylvania sich im November 2024 eine Gruppe jüngerer Dialekt-Aktivisten in Kutztown im Pennsylvania German Cultural Heritage Center treffen wird, um genau darüber zu beraten: Was kann man tun, um Kräfte zu bündeln? Das Treffen erfolgt auf Einladung von Patrick Donmoyer, seit 2021 Mitherausgeber der Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“ und Vorstandsmitglied im DPAK seit 2015. Wir sind auf die Ergebnisse sehr gespannt – Dave Adam sicherlich auch.

Der Pälzylvanier

Don Breininger – Der “Gschichteverzehler”

Don Breininger mit seiner Frau Norma im Jahr 2011 beim Pfälzischen Mundartdichter-Wettstreit in Bockenheim an der Weinstraße

Zum 85. Geburtstag

Es war ein bitterkalter 2. Februar im Jahr 2000, und ich saß mit Don Breininger aus dem Hollwigsdaal bei Nei Tripoli im Pennsylvania Dutch Country im Auto, zusammen mit Wörterbuch-Autor Dr. Eugene Stine (1932-2007) und Lee Haas. Es lag hoher Schnee und die Sonne schien, als wir den alten Sterling „Tiny“ Zimmerman (1921-2000) an Werley’s Corner in seinem „Greizweg Hotel“ abholten. Wenige Monate später starb er, doch an diesem Tag quälte sich der schwergewichtige Dutchman noch einmal in den Wagen, um mit seinen Freunden zur Versammling der “Grundsau Lodsch Nummer Zwee an der Schibbach” in Skippack (PA) zu fahren. Damals gab es sie noch. 2018 stellte die Lodge ihre Aktivitäten ein.

Don Breininger mit Paul Bittner (links) und Franklin Wanamaker (rechts) im Jahr 2000 bei einer Grundsau Lodge Versammling

Don Breininger, damals 60 Jahre alt und einer der jüngeren „Grundsei Brieder“, war der Fahrer. Und irgendwann nach etwa einer guten Stunde in Richtung Osten in Richtung Philadelphia kamen wir am Versammlungsort an – es muss ein Feuerwehrhaus gewesen sein, wie meistens. Autos stoppten, und es stiegen ältere Herren aus, die mehr oder weniger schnell aus der Kälte ins Warme huschten – in der Hoffnung auf ein wenig „pennsylvanisch-deitscher Gschbass“ und „en guud Iems“, ein gutes deutsches Essen. Als unser Trupp den Saal betrat, kamen schnell weitere mir bekannte Gesichter auf uns zu: Carl D. Snyder (1924-2007), Paul Kunkel (1926-2020), Parre Richard Druckenbrod (1929-2003), Paul P. Bittner („Em Buppy Bittner sei Bu“, 1935-2005), Franklin D. Wanamaker (1935-2007) und aus Oley, das bis zum 1. Weltkrieg Friedensburg hieß, Parre Richard Wolf (1932-2016). Das waren Mitte der 1980er Jahre treibende Kräfte, die die in die Jahre gekommene Bewegung der „Groundhog Lodges“ neu beleben wollten. 1933 als Reaktion auf die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Berlin gegründet, um Amerika zu zeigen, dass Pennsylvania-Deutsche patriotische Landsleute sind, befand sich die Initiative nach Ableben der ersten Generation von Grundsau-Brüdern spätestens ab Mitte der 1980er Jahre im Niedergang. Zu diesem Zeitpunkt fanden sich die Genannten und viele andere zusammen und führten Wiederbelebungsmaßnahmen durch. Man gründete eine „Groossdaadi Grundsau Lodsch“ als Dachorganisation der 18 Lodges, führte an verschiedenen Orten Sprachkurse ein, um Nachwuchsförderung zu betreiben und ließ den Künstler Peter V. Fritsch (1945-2015) die heute sehr bekannte „Pennsylvania Dutch Flag“ entwickeln. Diese wurde 1989 offiziell von den Groundhog Lodges anerkannt.

Als ich Anfang der 1990er Jahre die Männer nach und nach kennenlernte, war Aufbruchsstimmung zu spüren. Es sollte voran gehen. Auch Jahre später, als wir uns im eisigen Pennsylvania zum Groundhog Lodge Meeting trafen, war noch einiges davon vorhanden. Und doch konnte man erkennen, dass nur wenige junge Männer in den Reihen der Brüder saßen (Frauen sind erst seit 2023 als Gäste zugelassen, und auch nicht überall).

Die Veranstaltung im Jahr 2000 lief ab, wie es immer abläuft: Nach Begrüßung, Gebet und dem Fahneneid auf die amerikanische Flagge gibt es Musik, ein pennsylvanisch-deutsches Essen und ein Kulturprogramm. An diesem Abend sprach Don Breininger. Der Vortrag war, wie es erwartet wird, humoristisch, und „die Buwe“ klatschten und lachten viel. Man muss sich das Ganze vorstellen wie eine Mischung aus einer Vereinsmitgliederversammlung und einem Saalfasnachtsabend irgendwo rund um Mainz.

In den letzten 24 Jahren musste Don Breininger immer öfter die Reden übernehmen, weil es weniger aktive Mundartsprecher gibt, die dazu in der Lage sind. Man muss nicht nur den pennsylvanisch-deutschen Dialekt beherrschen, sondern auch mit dem Humor der Menschen vor Ort aufgewachsen sein. Und so fuhr Don in den letzten zwei Jahrzehnten immer weitere Strecken, um mitzuhelfen, die Veranstaltungen am Leben zu halten. Im Jahr 2033 feiern die Groundhog Lodges ihr 100. Bestehen – wenn es zu diesem Zeitpunkt noch aktive “Grundsei-Brieder” gibt.

Don Breininger, Michael Werner und Norma Breininger im “Holwigsdaal” in New Tripoli (2000)

Don Breininger traf ich erstmals Mitte der 1990er Jahre, und ab dem Jahr 2000 war ich bei meinen Besuchen vor Ort immer ein paar Tage bei ihm und seiner lieben Frau Norma Breininger (1939-2016) auf seinem wunderschönen Bauernhof in New Tripoli zu Gast. Es entstand eine Freundschaft, die Breiningers auch nach Ober-Olm und in die Pfalz brachte. 2011 war er unser Künstler bei der „Hiwwe wie Driwwe Palatinate Tour“. Wir führten mehrere Veranstaltungen durch, und vor allem der Pfälzische Mundartdichter-Wettstreit in Bockenheim gefiel ihm sehr.

Seinen 85. Geburtstag feiert Don im August 2024 im Kreis seiner großen Familie mit Kindern, Enkeln und Urenkeln. Aus dem fernen Ober-Olm rufe ich ihm zu: „Hallicher Gebottsdaag, Don! Alles Bescht zu dir, bis mer uns widder sehne …“

Der Pälzylvanier

Deitsch Web-TV: Kenn Schadde! ‘S Friehyaahr kummt ball.

Heit iss Grundsau-Daag, un Phil hot sein Schadde net gsehne. Sell meent, ass es Friehyaahr ball kumme sett! Sell iss en guudi Neiigkeet, iss es net …