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Dorothy Beam – Die “Fuhrfraa”

Dorothy Beam und Michael Werner in Millersville (2019)

Zum 90. Geburtstag

Dorothy Beam heißt ganz korrekt eigentlich Prof. Dorothy Pozniko Beam – sie hat ukrainische Wurzeln und wurde in Salem (Ohio) geboren. Viele in Pennsylvania kennen sie unter dem Namen „Bischlin Gnipplin“, weil sie die Ehefrau von Prof. C. Richard Beam (1925-2018) war, der pennsylvanisch-deutsche Texte mit seinem Autorenpseudonym „Bischli Gnippli“ zeichnete. Weshalb, das löse ich im Februar 2025 auf, wenn ich aus Anlass des 100. Geburtstags von Dick Beam ihm einen kleinen Text widme. Beam stellte Dorothy gerne als „Bischlin Gnipplin“ vor – ganz oft sagte er aber auch: „Des iss die Dorothy – mei Fuhrfraa!“

Dorothy Beam mit ihrem Mann Dick an den Niagara Fällen (1996)

Und es stimmte. Gerade in den letzten Jahren fuhr Beam nicht mehr selbst Auto, sondern überließ das Steuer seiner neun Jahre jüngeren Frau. Wenn wir im Pennsylvania Dutch Country unterwegs waren, hörten die beiden im Wagen am liebsten deutsche Opern – und Beam sang lauthals mit: „Papageno, Papageno!“ Dorothy lächelte dann zufrieden vor sich hin und konzentrierte sich auf den Verkehr. Sie war Professorin für Klavier an der Millersville University gewesen, und im Wohnzimmer ihres Hauses steht raumfüllend ein wunderbarer Flügel. Seit meinem ersten Besuch im Jahr 1994 füllte sich das Zimmer Jahr für Jahr mehr mit sprachwissenschaftlichen Büchern zum Pennsylvaniadeutschen. Ihr Mann Dick arbeitete seit Ende der 1960er Jahre daran, ein mehrbändiges Wörterbuch zu publizieren. Zunächst hatte sein Ende der 1980er Jahre gegründetes „Center for Pennsylvania German Studies“ noch Räume an der Universität, aber irgendwann musste er mit allen Unterlagen ins private Wohnhaus umziehen. Im Haus befindet sich eine Bibliothek, die eine Schatzkammer für alle ist, die sich mit dem Thema „Pennslyvania German“ beschäftigen.

Dorothy hat dem wichtigen Wörterbuch-Projekt Raum gegeben – im Haus und in ihrem Leben. Jahrzehntelang fuhr sie mit ihrem Mann zu Gewährspersonen, um möglichst alle im Pennsylvanisch-Deutschen verwendeten Wörter zu erfassen. Aus Audioaufnahmen wurden Wortlisten, dann Karteikarten und schließlich digitale Einträge im Computer. Wir Freunde und Bekannte beobachteten den Fortgang des Projektes und hatten zwischenzeitlich Sorge, das Wörterbuchprojekt könnte zu groß sein, um es noch in der Lebenszeit von Dick Beam abzuschließen. Zum Glück aber waren Dorothy und Dick Beam mit einer guten Gesundheit gesegnet – und sie hatten immer Hilfe von Studentinnen und Studenten, die von der Millersville University bezahlt wurden. Als Joshua Brown im Jahr 2004 Assistent war, erschien endlich der erste Band. Später wurde „Yossi“ Deutsch-Professor in Wisconsin. Im Anschluss übernahm Jennifer Trout die Assistenz, und Dorothy und sie unterstützten Dick Beam mit all ihren Kräften, um das Projekt zu einem guten Ende zu bringen. Bei der Herausgabe des ersten Bandes war „Bischli Gnippli“ bereits 79 Jahre alt, beim elften und letzten Band im Jahr 2007 dann 82.

Die “Fuhrfraa” am Steuer – ein Foto aus dem Sommer 2017

Wenn Dick Beam von seiner „Fuhrfraa“ sprach, war das ausgesprochen liebevoll gemeint und voller Hochachtung. Es herrschte großes Einvernehmen zwischen den beiden, und er wusste, was er an Dorothy hatte. Mittags fuhren sie oft zum „Conestoga“ – einem Restaurant, das nur sechs Meilen entfernt lag. Dort bedienten meist junge Studentinnen, und Dick Beam machte sich manchmal einen Spaß daraus, sie „in deitsch“ anzusprechen. Bisweilen klappte das auch, nämlich dann, wenn sie jungen Frauen aus Familien stammten, die die konservativen Amish oder Mennoniten verlassen hatten. Ein schönes Beispiel ist Rose Fisher aus Lancaster County, die zwischenzeitlich selbst Linguistik studiert hat und derzeit über das Pennsylvanisch-Deutsche promoviert.

Dick Beam war Deutsch-Professor, aber auch Dorothy sprach sehr gut hochdeutsch. Ende der 1960er Jahre haben die beiden ein Austauschjahr am Deutschen Sprachatlas der Universität Marburg verbracht – und wer sich wie sie für klassische Musik interessiert, kommt am Deutschen auch kaum vorbei.

Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 2018 konnte ich Dorothy noch einmal besuchen. Es war ein sehr schöner Nachmittag im Sommer 2019. Dann kam Corona und machte Reisen in die USA unmöglich. Bei meinem nächsten Besuch 2022 klappte es mit einem Termin leider nicht.

Dorothy lebt heute noch immer in ihrem Haus in Millersville, empfängt aufgrund ihres Alters aber keine Besuche und nimmt keine Anrufe mehr entgegen. Deshalb rufe ich ihr aus der Ferne und mit etwas Verspätung zu: „Hallicher Gebottsdaag, Dorothy! Grooss Dank fer alles, was du darich die letschte 30 Yaahr fer mich geduh hoscht!“

Der Pälzylvanier

(Nachtrag: Jennifer Trout hat mich am 7. November 2024 informiert, dass Prof. Dorothy Pozniko Beam verstorben ist. Zum Nachruf kommt man hier.)