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„Schweizer“ Pfälzer – Einwanderer als Auswanderer

Eine pennsylvanisch-deitsche Scheier im „Hollwig Daal“ (Holbens Valley) bei New Tripoli

Genanalysen liegen unter Genealogen im Trend. In der Pfalz führen diese von verschiedenen Webseiten angebotenen Auswertungen bisweilen zum Ergebnis, dass in der DNA eines Probanden sowohl skandinavische als auch südeuropäische Spuren vorhanden sind. Klar: Germanen und Römer eben. Daneben lassen sich beim genauen Hinsehen sicher oft auch noch keltische Elemente finden.

In den Stammbäumen der Familienforscher findet dies allerdings keinen Niederschlag, denn so weit in der Zeit zurück kommt man mit genealogischen Methoden nicht. Nach zehn bis zwölf Generationen ist, falls die Familie nicht adelig ist, meist Schluss. Aber immerhin: Damit kann man mit viel Arbeit und etwas Glück einen Stammbaum erstellen, dessen Wurzeln bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen.

Das war eine Zeit, in der die Pfalz Einwanderungsland war. Verwüstet durch den 30jährigen Krieg und mehrere Erbfolgekriege in den Jahrzehnten danach, suchte der pfälzische Kurfürst dringend neue Bürger, um das Land wieder aufzubauen. Und sie kamen: Tiroler, französische Hugenotten und – neben weiteren Einwanderergruppen – viele Schweizer. Auf diese Familien kann man bei eigenen genealogischen Forschungen stoßen, und oft führen die Nachforschungen in den Kanton Bern. Von hier sind vor allem mennonitische Glaubensflüchtlinge in die Pfalz gekommen. Aus anderen Regionen der Schweiz kamen Menschen, die problematische klimatische Bedingungen aus ihrer Heimat vertrieben. Kurz, es ist ein bisschen wie heute: Es handelte sich um Glaubens- und Wirtschaftsflüchtlinge. In der Pfalz packten sie kräftig an, halfen bei der Verbesserung der landwirtschaftlichen Methoden und lebten – mehr oder weniger frei – ihren Glauben.

Als die Kurzpfalz 1685 auf die katholische Dynastie Pfalz-Neuburg überging, wurde es allmählich ungemütlicher. In diesem Jahr machten sich die ersten schweizerdeutschen Pfälzer von Kriegsheim bei Monsheim auf den Weg nach Germantown in die neue Welt. Viele weitere sollten folgen, vor allem nach dem Hungerwinter 1708/1709, der viele Pfälzer den Rhein hinunter zu den Schiffen an der Nordseeküste trieb. Man kann davon ausgehen, dass viele dieser „Schweizer Pfälzer“ zum Zeitpunkt der Auswanderung aus der Pfalz noch mehr oder weniger Schweizerdeutsch sprachen. Denn oft hatten sie außerhalb der Ortschaften Bauerngehöfte gebaut, die heute noch in der Pfalz an ihrer Endung „-hof“ erkennbar sind, z.B. der Weierhof bei Kirchheimbolanden (heute Standort des Mennonitischen Forschungszentrums, das auch das Deutsch-Pennsylvanische Archiv beherbergt). In einer solchen Außenlage waren die Kommunikationsmöglichkeiten eher begrenzt. Und von Auswanderergemeinschaften wie den Deutschen in Amerika im 19. Jahrhundert oder den Italienern in Deutschland im 20. Jahrhundert wissen wir, dass ein kompletter Sprachwechsel bis zu drei Generationen dauern kann.

Bisweilen wird diskutiert, wie viele Spuren die Schweizer im kulturellen Erbe der Pfalz hinterlassen haben. Es ist überschaubar, sagt die eine Seite, die sich in der Mehrheit sieht. Es ist ganz, ganz viel, sagt eine Minderheit und belegt ihre Sicht mit vielen Argumenten. Ich würde sagen: Wie so oft, liegt die Wahrheit wahrscheinlich irgendwo in der Mitte.

Ein Schweizer Einfluss ist sicher nachweisbar – in den Gebräuchen, im Hausbau, Ackerbau, Viehzucht, Speisen und etlichem mehr.

So heißt die pennslyvanisch-deutsche Scheune heute im Englischen „Swiss Barn“. Wie im alemannischen Raum wird das Gebäude mit Vorlieben an einen Hang gebaut, so dass man von hinten einen direkten Zugang zur Tenne im ersten Obergeschoss hat und mit einem Wagen hineinfahren kann. Und auch in der Sprache der Pennsylvania-Deutschen wird der Einfluss der Schweizer sichtbar. Sprach man bei einem Säugling in alter pfälzischer Manier früher von einem „Bobbel“, einem „Bobbche“ oder einem „Bobbelche“, ist heute die Version „Bobbeli“ führend. Der sogenannte „-li“-Diminutiv, also die alemannische Verkleinerungsendung, hat sich fast vollständig durchgesetzt. Dies ist zurückzuführen auf den Einfluss der Mennoniten und Amish. Eigentlich handelt es sich bei ihnen um eine Gruppe von Menschen mit 40 bis 60 Familiennamen. Dazu gehören die Yoders (Jotter), Beilers, Craybills (Crayenbühl), Brackbills (Brechbühl), Lapps und andere mehr. Noch vor 100 Jahren stellten sie nur einen Bruchteil der pennslyvanisch-deutschen Sprechergemeinschaft – vielleicht ein bis zwei Prozent. Heute jedoch sind es vor allem die Vertreter dieser konservativen Religionsgemeinschaften, die am Dialekt festhalten, so dass ihr Anteil an der Gesamtheit der Sprecher aktuell bei über 90 Prozent liegen dürfte. Es hat sich im Pennsylvania-Deutschen mittlerweile die Variante „-li“ als Verkleinerungsform durchgesetzt.

Dass unter den Pionieren in Pennsylvania im 18. Jahrhundert viele Menschen mit Schweizer Wurzeln waren, zeigt auch ein Blick auf die Landkarte. In Berks County gibt es Townships – das wäre bei uns vielleicht etwas wie eine Verbandsgemeinde – mit einem klar regionalen Bezug: „Bern“ und „Upper Bern“. Und mit „Luzerne“ gibt es sogar ein County, also einen Landkreis, bei dem sich ein solcher Bezug herstellen lässt. Geht man weiter in die Tiefe, zeigt sich auch im Detail immer wieder der Einfluss von Schweizern.

Mich interessiert die eher akademische Frage, wie viel Schweiz im Pfälzischen steckt, allerdings nur bedingt. Interessanter finde ich etwas anderes: Die Pfalz hat auch durch ihre verkehrsgünstige Lage mit dem Rhein als schiffbarem Fluss immer wieder Einwanderer angezogen – und in Krisenzeiten in größeren und kleineren Stößen wieder abgegeben – in Richtung Nordamerika, in Richtung Südamerika, aber auch in Richtung Ost- und Südosteuropa. So lassen sich Gemeinsamkeiten in den Dialekten der Pfälzer, Pennsylvania-Deutschen, Ungarn-Deutschen, Rumänien-Deutschen, Jugoslawien-Deutschen, Russland-Deutschen und anderen finden. Auch in Brasilien haben die ausgewanderten Pfälzer Spuren hinterlassen, wenn auch der Schwerpunkt dieser vergleichsweise späten Auswanderung nach Südamerika (ab 1824) eher im Hunsrück, im Nahetal und der Eifel lag.

Für mich ein Indiz, dass sich seit der Zeit der Germanen, Römer und Kelten eigentlich nichts verändert hat: Menschen wandern auf der Suche nach einem besseren Leben. Wenn es uns schlecht ginge, würden wir vermutlich ebenso handeln.

Michael Werner

Pfälzer als Flüchtlinge

„Palatines“ campierten vor den Toren Londons (1709)

Von Michael Werner

Die Anfänge waren zaghaft: 1678 ließ sich eine Gruppe französischsprachiger Hugenotten, die zwischenzeitlich in Mannheim Zuflucht gefunden hatten, am Hudson River bei New York nieder. Ihre neue Siedlung nannten sie aus Dankbarkeit „Nouveau Palatinat“, später umbenannt in „New Paltz“.

Die ersten deutschsprachigen Siedler waren Mennoniten aus Krefeld, die mit der Frankfurter Compagnie unter Franz Daniel Pastorius (1651-1719) im Jahr 1683 in Philadelphia anlandeten und nördlich der Stadt die Siedlung „Germantown“ gründeten. Dorthin zogen 1685 auch erste Kurpfälzer aus Kriegsheim (bei Monsheim).

Die eigentliche pfälzische Massenauswanderung begann 1709. Belastet durch Kriege, hohe Abgaben und einen Hungerwinter waren viele Menschen offen für Veränderungen. Es kursierten Flugblätter mit dem Bildnis der Königin Anne und dem Hinweis, Großbritannien könne sich für die protestantischen Glaubensbrüder und -schwestern in der Kurpfalz einsetzen. Die Autoren waren wohl in Adelskreisen zu suchen. Viele einfache Menschen sahen ihre Chance auf ein besseres Leben, und im Laufe weniger Monate machten sich tausende den Rhein hinunter auf den Weg nach London in der Hoffnung, dort Hilfe zu erhalten und vielleicht den Platz in einem Schiff in die neue Welt.

Über 11 000 Menschen campierten schließlich vor den Toren der Stadt. Die Königin und ihre Regierung besorgten über 1 000 hochdeutsche Bibeln und jede Menge Geld, um die Menschen im Flüchtlingslager zu versorgen. Aber je länger der Aufenthalt dauerte, um so mehr kippte die Stimmung unter den Bürgern in London. Daniel Defoe (1660-1731), Autor des „Robinson Crusoe“, berichtete in seinem Buch „A Brief History of the Palatine Refugees“ (1709) über die Situation und ergriff als Journalist Partei für die Flüchtlinge. Er dokumentierte Rufe nach Obergrenzen und berichtete über fremdenfeindliche Hetze gegen die Deutschen ebenso wie über die Zivilcourage von Privatleuten, die versuchten, den Flüchtlingen zu helfen. In diesen Tagen entstand wohl der Ausdruck „Palatines“ als Sammelbegriff für alle Menschen, die den Rhein hinuntergekommen waren. Über 70 Jahre wurde er in diesem Sinne gebraucht und umfasste damit nicht nur Pfälzer, sondern alle ankommenden Einwanderer.

Aus der Kurpfalz kamen rund 8 500 Menschen, darunter auch Schweizer, die nach dem 30jährigen Krieg Aufnahme am Rhein gefunden hatten, weitere 2 000 aus Hessen-Darmstadt. Kleinere Gruppen stammten unter anderem aus Pfalz-Zweibrücken, Baden, dem Elsass, Hessen-Kassel sowie den Bistümern Mainz, Worms und Speyer.

3 000 Menschen wurden schließlich nach Irland geschickt, um das protestantische Element auf der Insel zu stärken, 3 000 weitere nach New York. 650 begleiteten den Schweizer Christoph von Graffenried (1661-1743) in die Kolonie New Bern nach North Carolina. Tausende weitere verstarben bereits in London und auf der Überfahrt bzw. wurden – weil katholisch – nach Hause geschickt.

Die Auswanderer nach New York begleiteten auf zehn Schiffen den neuen Gouverneur Robert Hunter und den Pfarrer Joshua Harrsch (1669-1719) genannt „Kochertal“. In der neuen Welt kamen sie 1710 an und sollten am Hudson River Pech und Teer für die britische Kriegsmarine herstellen. Bereits 1712 galt das Unternehmen als gescheitert, und die Briten überließen die Deutschen ihrem Schicksal. Die Familien schlugen sich durch, zunächst ins Schoharietal, 1723 ins Mohawktal. Eine wirklich sichere Bleibe fanden sie nicht, und so zogen im gleichen Jahr einige von ihnen – etwa 15 Familien – in einem Treck weiter nach Pennsylvania. Dort errichteten sie eine neue Siedlung am „Tulpehocken Creek“ westlich von Reading im Berks County. 2023 feierte die Region „Tulpehocken“ ihren 300. Geburtstag.

In den nachfolgenden Jahrzehnten wanderten mehrere zehntausend Menschen vor allem aus kurpfälzischen Regionen nach Pennsylvania aus, und zu Beginn des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges 1776 sollen 110 000 der insgesamt 225 000 Einwohner Pennsylvanias deutschsprachig gewesen sein. Da sie sich im Südosten des Staates in einem Gebiet von der Größe der deutschsprachigen Schweiz konzentrierten, war eine Sprachinsel entstanden. Vor allem in ländlichen Gebieten blieben die Neuankömmlinge oft unter sich. Bereits 1751 hatte der Verleger und Staatsmann Benjamin Franklin (1706-1790) gejammert: „Warum sollen wir leiden, dass die Pfälzer Bauernlümmel sich um unsere Ansiedlungen drängen und, indem sie in Rudeln zusammenwohnen, ihre Sprache und Sitten befestigen zum Verderben der unsrigen. Warum soll Pennsylvanien, das von Engländern gegründet wurde, eine Kolonie von Fremdlingen werden, die bald so zahlreich sind, daß sie uns germanisieren, anstatt wir sie englisieren, und die ja so wenig unsere Sprache und Gebräuche annehmen wie sie unsere Hautfarbe erlangen können.“

In der Zeit zwischen 1750 und 1780 bildeten sich aus den gesprochenen deutschen Dialekten wie Pfälzisch, Schweizerdeutsch, Elsässisch usw. erste gemeinsame sprachliche Elemente und Muster heraus, aus denen sich in der Folgezeit das Pennsylvania-Deutsche entwickelte. Prof. Mark Louden erzählt in seinem 2016 erschienenen Buch „Pennsylvania Dutch – The Story of an American Language“ die Entstehungsgeschichte der neuen Mundart umfassend und spannend. Bis zum Jahre 1834, als ein neues Schulgesetz die Stellung der hochdeutschen Sprache in Pennsylvania erstmals nachhaltig gefährdete, hatte sich längst eine relativ einheitliche Sprachvarietät entwickelt. Ab diesem Zeitpunkt wurde die Überdachung durch das Hochdeutsche Jahrzehnt für Jahrzehnt immer schwächer, und das Pennsylvania-Deutsche musste als Mundart zunehmend auf eigenen Füßen stehen. Zwischen 1840 und 1870 vollzieht sich eine markante Veränderung auf den Friedhöfen: Grabsteine werden mehr und mehr englisch beschriftet. Die deutschsprachige Presse in Pennsylvania ist im Niedergang, und der 1. Weltkrieg beendet weitgehend die Ära deutschsprachiger Publikationen. Nur im religiösen Kontext hält sich die deutsche Standardsprache etwas länger.

Heute haben die Nachfahren der Auswanderer längst vergessen, was die Begriffe„Pfalz“ bzw. „pfälzisch“ bedeuten. Viele der kulturellen Muster, die uns „hiwwe“wie „driwwe“ verbinden, haben sie nichtsdestotrotz behalten.

Knapp 30 % der rund 13 Millionen Einwohner Pennsylvanias – also fast 4 Millionen Menschen – sind aktuell deutschstämmig. Das ist mit großem Abstand die größte Gruppe. Etwa 1 % der Einwohner dieses Staates spricht noch immer Pennsylvania-Deutsch, und das über 300 Jahre nach dem Beginn der deutschen Amerikaauswanderung.