
Eine Würdigung
Wenn ich von Sam Stoltzfus (geboren 1943) erzähle, berichte ich gleichzeitig auch von etwa einem Dutzend Amish, zu denen ich in den vergangenen 30 Jahren eine engere Beziehung aufgebaut habe. Ich war in den Gottesdiensten willkommen und habe Werk- wie Sonntage mit ihnen und ihren Familien verbracht. Wenn es zeitlich passte, bin ich mit zu ihren Zusammenkünften gegangen und habe auch ihren Austausch mit den Old Order Mennoniten aufmerksam verfolgt. Zwischen beiden Gruppen gibt es viele Ähnlichkeiten, aber auch ein paar wesentliche Unterschiede. Fotos von Menschen im Portrait gibt es in diesem Artikel nicht, denn Amish lassen sich – bis auf wenige Ausnahmen – nicht gerne bewusst fotografieren.
Ich habe gelernt, dass es bei Amish ebenso viel Liebe und Leid gibt wie in jeder anderen gesellschaftlichen Gruppe auch. Es gibt Gesunde wie Kranke – und viel Ehrlichkeit und Humor. Aber es ist bestimmt keine heile Welt, und wer sich für Landwirtschaft nach Bio-Standards interessiert, sollte woanders suchen.
Für mich standen die Amish ganz am Anfang meines Interesses am Pennsylvania Dutch Country. Ich hatte mich während meines Linguistik-Studiums in Mannheim gefragt, ob es mir durch meinen eigenen pfälzischen Dialekt möglich sein würde, Zutritt zu dieser verschlossenen Gruppe zu erhalten.

Es funktionierte. Vermittelt durch die Kontakte meines Freundes Dick Beam besuchte ich bereits im Sommer 1994 die Bauerei von Sam Stoltzfus und seiner Familie in Gordonville im Lancaster County. Wir verstanden uns prächtig. Ich begleitete ihn zu den Versammlungen der Pequea Bruderschaft Library, ging mit ihm zum gemeinsamen Singen von Amish und Mennoniten und besuchte natürlich die Amish „Gmee“, wann immer es möglich war. Bis zu drei Stunden dauern die Gottesdienste, und man lernt viel für’s Leben: Über Gemeinschaft, Rücksichtsnahme und Toleranz (vor allem gegenüber Kindern), aber auch, was strenge Regeln mit einer Gruppe und Individuen auch im negativen Sinne machen können. Mein Fazit ist sehr ambivalent.
Und da es sich bei den Amish letztlich um eine Gesellschaft handelt, deren Wurzeln in der Schweiz liegen, freute ich mich immer, nach einigen Tagen im Lancaster County ins nördlich gelegene Berks County zu wechseln, wo die Nachfahren der alten pfälzer Bauern leben. Hier fühle ich mich zu Hause!
Wohl gefühlt habe ich mich aber auch in den Wohnzimmern von Sam Stoltzfus, Gid Fisher, Ben Riehl und den vielen anderen Amish, die mir die Türen öffneten und meine vielen Fragen gerne beantworteten.

Sam war in all den Jahren meine Konstante. Niemals versäumte ich es, bei meinen Besuchen in Pennsylvania bei Sam vorbeizusehen. Oft blieb es beim kurzen „Bsuche“ – einem Gespräch auf der Porch – manchmal blieb ich zum Essen. Sam war immer geschichts- und sprachinteressiert. Deshalb gingen uns die Themen nicht aus. Er war regelmäßiger Schreiber für meine Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“. Seine Texte stellten mich immer vor Herausforderungen, denn seine Schreibweise der pennsylvanisch-deutschen Mundart war sehr besonders. Aber die Geschichten waren es auch. Einmal berichtete er von einem Fallschirmsprung, den er als Teenager mit Freunden vom Dach einer Scheune gemacht hatte. Alles ging glimpflich aus. Wenn man gleichzeitig gläubiger Christ und ein offener Freigeist ist, kann man im Laufe seines Lebens immer wieder einmal in Diskussionen mit den jeweiligen Gemeindeoberen kommen. Sam hat das alles gemeistert und ist Oberhaupt einer wunderbaren großen Familie.
Erst seit ich meinen Hauptfokus auf Berks County gelegt habe, ist unser Kontakt etwas spärlicher geworden. So habe ich seinen 80. Geburtstag im Jahr 2023 verpasst. Deshalb werfe ich meinen „deitschen Schtrohut“ heute nachträglich in die Höhe und rufe Sam aus der Ferne: „Alles Bescht zu dir, bis mer uns widder sehne!“































































