Archiv der Kategorie: Der Pälzylvanier

Don Breininger – Der „Gschichteverzehler“

Don Breininger mit seiner Frau Norma im Jahr 2011 beim Pfälzischen Mundartdichter-Wettstreit in Bockenheim an der Weinstraße

Zum 85. Geburtstag

Es war ein bitterkalter 2. Februar im Jahr 2000, und ich saß mit Don Breininger aus dem Hollwigsdaal bei Nei Tripoli im Pennsylvania Dutch Country im Auto, zusammen mit Wörterbuch-Autor Dr. Eugene Stine (1932-2007) und Lee Haas. Es lag hoher Schnee und die Sonne schien, als wir den alten Sterling „Tiny“ Zimmerman (1921-2000) an Werley’s Corner in seinem „Greizweg Hotel“ abholten. Wenige Monate später starb er, doch an diesem Tag quälte sich der schwergewichtige Dutchman noch einmal in den Wagen, um mit seinen Freunden zur Versammling der „Grundsau Lodsch Nummer Zwee an der Schibbach“ in Skippack (PA) zu fahren. Damals gab es sie noch. 2018 stellte die Lodge ihre Aktivitäten ein.

Don Breininger mit Paul Bittner (links) und Franklin Wanamaker (rechts) im Jahr 2000 bei einer Grundsau Lodge Versammling

Don Breininger, damals 60 Jahre alt und einer der jüngeren „Grundsei Brieder“, war der Fahrer. Und irgendwann nach etwa einer guten Stunde in Richtung Osten in Richtung Philadelphia kamen wir am Versammlungsort an – es muss ein Feuerwehrhaus gewesen sein, wie meistens. Autos stoppten, und es stiegen ältere Herren aus, die mehr oder weniger schnell aus der Kälte ins Warme huschten – in der Hoffnung auf ein wenig „pennsylvanisch-deitscher Gschbass“ und „en guud Iems“, ein gutes deutsches Essen. Als unser Trupp den Saal betrat, kamen schnell weitere mir bekannte Gesichter auf uns zu: Carl D. Snyder (1924-2007), Paul Kunkel (1926-2020), Parre Richard Druckenbrod (1929-2003), Paul P. Bittner („Em Buppy Bittner sei Bu“, 1935-2005), Franklin D. Wanamaker (1935-2007) und aus Oley, das bis zum 1. Weltkrieg Friedensburg hieß, Parre Richard Wolf (1932-2016). Das waren Mitte der 1980er Jahre treibende Kräfte, die die in die Jahre gekommene Bewegung der „Groundhog Lodges“ neu beleben wollten. 1933 als Reaktion auf die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Berlin gegründet, um Amerika zu zeigen, dass Pennsylvania-Deutsche patriotische Landsleute sind, befand sich die Initiative nach Ableben der ersten Generation von Grundsau-Brüdern spätestens ab Mitte der 1980er Jahre im Niedergang. Zu diesem Zeitpunkt fanden sich die Genannten und viele andere zusammen und führten Wiederbelebungsmaßnahmen durch. Man gründete eine „Groossdaadi Grundsau Lodsch“ als Dachorganisation der 18 Lodges, führte an verschiedenen Orten Sprachkurse ein, um Nachwuchsförderung zu betreiben und ließ den Künstler Peter V. Fritsch (1945-2015) die heute sehr bekannte „Pennsylvania Dutch Flag“ entwickeln. Diese wurde 1989 offiziell von den Groundhog Lodges anerkannt.

Als ich Anfang der 1990er Jahre die Männer nach und nach kennenlernte, war Aufbruchsstimmung zu spüren. Es sollte voran gehen. Auch Jahre später, als wir uns im eisigen Pennsylvania zum Groundhog Lodge Meeting trafen, war noch einiges davon vorhanden. Und doch konnte man erkennen, dass nur wenige junge Männer in den Reihen der Brüder saßen (Frauen sind erst seit 2023 als Gäste zugelassen, und auch nicht überall).

Die Veranstaltung im Jahr 2000 lief ab, wie es immer abläuft: Nach Begrüßung, Gebet und dem Fahneneid auf die amerikanische Flagge gibt es Musik, ein pennsylvanisch-deutsches Essen und ein Kulturprogramm. An diesem Abend sprach Don Breininger. Der Vortrag war, wie es erwartet wird, humoristisch, und „die Buwe“ klatschten und lachten viel. Man muss sich das Ganze vorstellen wie eine Mischung aus einer Vereinsmitgliederversammlung und einem Saalfasnachtsabend irgendwo rund um Mainz.

In den letzten 24 Jahren musste Don Breininger immer öfter die Reden übernehmen, weil es weniger aktive Mundartsprecher gibt, die dazu in der Lage sind. Man muss nicht nur den pennsylvanisch-deutschen Dialekt beherrschen, sondern auch mit dem Humor der Menschen vor Ort aufgewachsen sein. Und so fuhr Don in den letzten zwei Jahrzehnten immer weitere Strecken, um mitzuhelfen, die Veranstaltungen am Leben zu halten. Im Jahr 2033 feiern die Groundhog Lodges ihr 100. Bestehen – wenn es zu diesem Zeitpunkt noch aktive „Grundsei-Brieder“ gibt.

Don Breininger, Michael Werner und Norma Breininger im „Holwigsdaal“ in New Tripoli (2000)

Don Breininger traf ich erstmals Mitte der 1990er Jahre, und ab dem Jahr 2000 war ich bei meinen Besuchen vor Ort immer ein paar Tage bei ihm und seiner lieben Frau Norma Breininger (1939-2016) auf seinem wunderschönen Bauernhof in New Tripoli zu Gast. Es entstand eine Freundschaft, die Breiningers auch nach Ober-Olm und in die Pfalz brachte. 2011 war er unser Künstler bei der „Hiwwe wie Driwwe Palatinate Tour“. Wir führten mehrere Veranstaltungen durch, und vor allem der Pfälzische Mundartdichter-Wettstreit in Bockenheim gefiel ihm sehr.

Seinen 85. Geburtstag feiert Don im August 2024 im Kreis seiner großen Familie mit Kindern, Enkeln und Urenkeln. Aus dem fernen Ober-Olm rufe ich ihm zu: „Hallicher Gebottsdaag, Don! Alles Bescht zu dir, bis mer uns widder sehne …“

Der Pälzylvanier

Keith Brintzenhoff – Mr. Kutztown Folk Festival

Keith Brintzenhoff spielt in der „Alten Schule“ in Ober-Olm (2023)

Zum 30. Jahrestag unserer ersten Begegnung

Mittlerweile hat sich in der Pfalz und angrenzenden Regionen herumgesprochen, dass das alljährlich Anfang Juli stattfindende „Kutztown Folk Festival“ eine gute Gelegenheit ist, mit Mundartsprechern in Kontakt zu kommen. Bekannt wie ein bunter Hund ist dort der Musiker und Redner Keith Brintzenhoff, der auch in der Stadt lebt.

Erstmals getroffen habe ich Keith bei meiner Pennsylvania-Reise im Juli 1994, als ich noch an der Universität Mannheim studierte. Als Musiker sah ich natürlich das Musik- und Buchgeschäft mit dem Namen „Pennsylvania Dutch Hobbies“ auf der Hauptstraße von Kutztown, und ging hinein. Ich war sehr überrascht, dass es dort nicht nur viel Material zum Thema Pennsylvania Dutch zu kaufen gab, sondern der „Schtorkieper“ (Geschäftseigentümer) mich auch in Mundart begrüßte: „Ach, du Liewer, vun Deitschland bischt! Sell kammer net glaawe.“ Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, die nun genau seit 30 Jahren besteht.

Keith Brintzenhoff in seinem Laden „Pennsylvania Dutch Hobbies“ in Kutztown (1994)

In den darauffolgenden Jahren lüftete Keith für mich das Geheimnis, wie Banjo und Mountain Dulcimer funktionieren – zwei für die pennsylvanisch-deitsche Folk Music wichtige Instrumente. Wichtiger noch: Er brachte mich in Kontakt mit Musikern, von denen ich in den folgenden Jahren viel lernen sollte: Mike & Linda Hertzog, Dave Kline („East Side Dave“), Chris LaRose, John Schmid, Robert Entler, der Martin Family und vielen anderen.

2015 nahm ich bei Mike Hertzog in der Musikschule bei Meadwood Music in Blandon (PA) einige Banjo-Unterrichtsstunden. Nicht viele, aber sie reichten, um mich auf der Bühne mit der „New Paltz Band“ mit dem Banjo nicht zu verletzen. Immerhin. Chris LaRose wies mich beim Besuch in Ober-Olm im Rahmen der „Hiwwe wie Driwwe Tour 2016“ in die Clawhammer Technik auf dem Banjo ein.

2019 war ich mit meiner Band beim Kutztown Folk Festival zu Gast. Auf Einladung des Goethe Instituts Washington waren wir Teil des Kulturprogramms „Wunderbar Together“, das vom Deutschen Außenministerium in Berlin finanziert wurde. 2022 trat ich mit einem Sologrogramm in Kutztown auf.

Keith Brintzenhoff mit Michael Werner und Dave Kline (Mitte) beim Kutztown Folk Festival 2022

Zurück zu Keith: Wann immer ich in den letzten 30 Jahren Kutztown besuchte, schaute ich auch bei ihm und seiner Frau Karlene vorbei. Wenn ich mich einige Tage im ländlichen, konservativen Pennsylvania Dutch Country bewegte, fühlte ich mich danach am Küchentisch bei Brintzenhoffs bei einem Glas Bier und netten Gesprächen immer besonders wohl.

Mit der „Hiwwe wie Driwwe Palatinate Tour“, die ich seit 2008 hier bei uns in der Pfalz organisiere, brachte ich Keith 2012 und 2023 nach Deutschland. Seine Konzerte sind immer etwas Besonderes, weil er auch ein überaus humorvoller Redner ist.

Dass das Pennsylvanisch-Deutsche in Berks County auf dem Rückzug ist, bekümmert Keith Brintzenhoff. „Was kammer duh?“, fragt er dann. Und macht dann weiter mit dem, was er schon seit Jahrzehnten tut: Er macht Auftritte, spricht bei Veranstaltungen, gibt Unterricht in Mundart und ist vor allem einer der wesentlichen Mitgestalter des Kutztown Folk Festivals.

Wer dort hingeht, wird ihn nicht verfehlen. Wo große Fröhlichkeit herrscht, ist er nicht weit. Grooss Dank, Keith, fer en Freindschaft vun 30 Yaahr!

John Schmid – Der deitsch „Johnny Cash“ vun Berlin, Ohio

John Schmid beim Konzert in Ober-Olm (2023)

John Schmid zum 75. Geburtstag

Es gilt die Regel: Amish und konservative Mennoniten gehen nicht zu Country-Konzerten. Es gibt aber eine Ausnahme: Wenn John Schmid spielt. Dann ist der Saal voll, und wenn es ein Open-Air-Konzert ist, bringen sie nach amerikanischer Tradition („Bring your own chair“) ihre Stühle mit und klatschen sogar im Takt. Nur: Mitsingen würden sie nicht. So weit lassen sie sich dann doch nicht mitreißen.

John Schmid verdient sein Geld, indem er im Auftrag seiner Kirche in Gefängnisse geht und Musik macht. Dabei erzählt er auch aus der Bibel und seine Lebensgeschichte: Wie er als junger Mann mit Amish und Mennoniten als Dachdecker gearbeitet hat und dabei vom Dach fiel. „Wie ich widder wacker warre bin, hawwich deitsch schwetze kenne“, erzählt er dann. Das ist natürlich geflunkert, aber er hat bei der Arbeit die Mundart gelernt und sich in dieser Zeit auch in ein Mädchen verliebt, dessen Familie die Amish verlassen hatte: Lydia. Auch sie „schwetzt deitsch“.

Berlin in Ohio ist ein guter Ort, um die pennsylvanisch-deutsche Mundart zu lernen. Es liegt in einem Landkreis, in dem auch heute noch etwa 40 % der Erwachsenen pennsylvanisch-deitsch sprechen und rund 70 % der Kinder. Hier ist einer der wenigen Orte in den USA, wo man versuchen kann, Menschen auf der Straße „in deitsch“ anzusprechen. Es könnte klappen, dass man in Mundart Antwort erhält.

John Schmid singt mit seiner Tochter Katie in Eschelbronn (2010)

John Schmid ist großer Johnny-Cash-Fan und hat sein Idol auch einmal getroffen. Seine Art, Gitarre zu spielen, ahmt den Stil des Country Stars nach. In Mundart zu singen, kam ihm aber lange nicht in den Sinn. Doch irgendwann traf er Keith Brintzenhoff, der ihm eine Menge deitscher Lieder beibrachte. Danach entstanden mehrere CDs: „In Dutch“, „In Dutch again“ und „Dutch Blitz“.

Ich weiß nicht mehr ganz genau, wann sich Johns und meine Wege erstmals gekreuzt haben – es muss irgendwann zwischen 2002 und 2005 gewesen sein, vermutlich per eMail. 2006 besuchte er mich in Ober-Olm, und gemeinsam mit Paul Reinig und Peter Braun von „Reinig, Braun & Böhm“ machten wir Musik. Es war der Abend, an dem ich für mich entschied, nach einer zehnjährigen Familienpause wieder Musik machen zu wollen.

John Schmid mit Paul Reinig und Peter Braun in Ober-Olm (2006)

Mit meinem Freund Frank Kessler besuchte ich John für einige Tage im Jahr 2010 in Ohio, und er stellte uns die Schlüsselpersonen der pennsylvanisch-deutschen Szene im mittleren Westen vor. Zu diesen gehörte Hank Hershberger, Leiter eines „Committee for Translation“, der gemeinsam mit anderen das neue und das alte Testament ins Pennsylvanisch-Deutsche übersetzte. Es ist in der pennsylvanisch-deutschen Mundart der Amish geschrieben und nutzt eine Schreibung, die auf dem englischen Lautsystem fußt. Für Deutsche ist es etwas schwer zu lesen und zu verstehen.

John Schmid mit Hank Hershberger in Ohio (2010)

Mehrmals lud der Deutsch-Pennsylvanische Arbeitskreis John Schmid für eine Tour durch die Pfalz und Rheinhessen ein: 2010, 2015, 2020 (ausgefallen wegen Covid19) und 2023. Damit gehört er zu den ganz wichtigen „Pälzylvaniern“, die fortwährend daran arbeiten, die Atlantik-Brücke zwischen Deutschland und den USA auszubauen. Am „Altgrischtdaag“ (6. Januar) ist John Schmid 75 Jahre alt geworden. Wir gratulieren herzlich und sagen: „Hallicher Gebottsdaag, John!“

Der Pälzylvanier

Alice Spayd – Die Schulmeisterin

Michael Werner und Alice Spayd (2017)

Alice Spayd zum 80. Geburtstag

„Wie neegscht an hunnert iss sie?“, lautet die Frage in Pennsylvania, wenn man wissen möchte, wie alt ein Geburtstagskind ist. „Noch weit fatt“, könnte die Antwort im Fall von Alice Spayd lauten, der Lehrerin für Pennsylvania-Deutsch, Chorleiterin und Organisatorin pennsylvanisch-deutscher Veranstaltungen. 80 Jahre alt wurde Alice im März 2024, und mit ihr freuten sich neben ihrem Mann und ihren Kindern 20 Enkel und 12 Urenkel. Brittany Hammons, eine Enkelin, die 2008 schon einmal ein halbes Jahr bei uns in Ober-Olm lebte, verriet mir noch, dass das erste Ur-Ur-Enkelchen im Oktober erwartet wird. 55 Jahre sind sie und Bill nun verheiratet. „Wow“, kann man da nur sagen, und natürlich erst einmal: „Hallicher Gebottsdaag, Alice – aa wammer wennich schpoot sinn!“

Geboren 1944 in Suedberg (PA), lebt Alice Spayd mit ihrem Mann Bill in Fredericksburg in Lebanon County (PA). Aber im Dialekt heißt der kleine Ort nach dem ursprünglichen Gründer Frederick Stump noch immer „Schtumbeschtettel“. Der allerdings hatte irgendwann in Carlisle 10 Mitglieder eines lokalen Indigenen-Stamms ermordert, und so entschieden sich die Bürgerinnen und Bürger zur Umbenennung der Siedlung in Fredericksburg. Im Dialekt halten sich alte Wörter und auch alte Bräuche besser, weshalb das Pennsylvania-Deutsche eine Schatzkammer ist, wenn man sich mit dem Pfälzischen beschäftigt.

Alice traf ich zum ersten Mal bei einer Universitätsveranstaltung am „Lebanon Valley College“ im Jahr 2002. Schon damals ging es um die Frage, was für den Erhalt des Pennsylvania-Deutschen getan werden kann. Alice Spayds Antwort war im gleichen Jahr die Gründung des Kinderchors „Die Schwadore Schalle“ (The sounds of the Swatara Creek), der überwiegend aus ihren eigenen Enkelinnen und Enkeln bestand. Heute singen auch Erwachsene mit. Daneben trat sie dem „Dolpechocken Saenger Chor“ von Francis D. Kline (1937-2013) bei, der jeden Monat im Lokalsender Berks County TV (BCTV) in der Sendung „Die deitsch Schtunn“ auftrat. Sie bot viele Jahre als „Schulmeeschtern“ einen Deutschkurs in Schaefferstown (PA) an. In der Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“ tauchte ihr Name erstmals bereits im Jahr 2000 auf. Mittlerweile ist sie seit vielen Jahren freie Autorin. Seit 2012 ist Alice Spayd Organisatorin des „Pennsylvanisch-Deitsch Zammelaaf“ in Bethel (PA), der Nachfolgeveranstaltung des „Pennsylvania German Festivals“, das bis einschließlich 2011 jährlich am Harrisburg Area Community College (HACC) abgehalten wurde. Kurz: Wenn es um „deitsch“ in der Region rund um Lebanon geht, kommt an Alice Spayd niemand vorbei.

Alice Spayd (2. von rechts) im Jahr 2002 am Lebanon Valley College. Auch dabei: Don Breininger (3. von links), bis heute einer der besten pennsylvanisch-deutschen Sprecher bei Veranstaltungen

Das möchte man auch überhaupt nicht, denn Alice, ihr Mann Bill (ein Linkshänder-Gitarrist) und ihre gesamte Familie sind ausgesprochen liebenswert. Ab 2005 habe ich immer wieder für einige Tage bei den Spayds wohnen dürfen, wenn ich in Pennsylvania war. Ihr jüngster Sohn William – genannt „Wilhelm“ – hat eine Frau geheiratet, die mit Prof. Alfred Shoemaker (1913-ca.1969) verwandt ist, neben Don Yoder einem der Mitbegründer des Kutztown Folk Festivals. Wilhelm arbeitet bei der Polizei, und seine Erzählungen gaben mir einen Einblick in den Alltag eines amerikanischen Polizisten. Er ist für einen Autobahn-Abschnitt zuständig und auch nachts im Streifenwagen oft allein unterwegs. Wenn er bei einem Einsatz Hilfe benötigt, ruft er über Funk Verstärkung. Ein bisschen erinnert das System noch an den Wilden Westen. Früher war es eben der Sheriff mit seinem Pferd – heute ist es der Polizist mit seinem Auto. Wir erleben das im Fernsehen, wenn am Ende eines Hollywood-Streifens beim Showdown auf einmal zehn Streifenwagen nebeneinander stehen.

Alice Spayd im Jahr 2015 als „Schulmeeschdern“ in „Historic Schaefferschteddel“ (Schaefferstown, Lebanon County) – ein Klick auf das Bild öffnet ein Video. Alice’s „Deitsch Class“ ist ab Minute 8 zu sehen

Eine interessante Persönlichkeit war auch Alice Spayds Vater, Edward Behney (1914-2012). Jedes Mal, wenn ich in Schtumbeschtettel zu Gast war, sprach ich lange mit ihm und ließ mir Geschichten von früher in Pennsylvania-Deitsch erzählen. Manchmal machten Alice und ich auch Tonaufnahmen. Da er schon sehr betagt war, schien er am Anfang eines Gesprächs immer ein wenig müde. Aber sobald wir in den Dialekt wechselten und er aus seinem langen Leben berichten konnte, erwachten die Lebensgeister. Am eindrucksvollsten war für mich seine Schilderung des 75. Jahrestages der Schlacht von Gettysburg im Jahr 1938. Der junge Ed sah sich in Gettysburg (PA) die Parade an. Betagte Veteranen der Nord- und Südstaaten, so erzählte er, fuhren gemeinsam auf einem offenen Wagen mit, und sie gerieten so in Streit, dass sie sich noch während des Umzugs zu prügeln begannen. Die Herren waren damals alle bereits über 90 Jahre alt! „Ya well, was kammer duh“, sagt man zu so etwas manchmal in pennsylvanisch-deitsch. Und: „Die Leit sinn, wie die Leit sinn!“

William „Wilhelm“ Spayd, Michael Werner, Frank Kessler und Ed Behney in Schtumbeschteddel (Frederickstown) im Jahr 2005

Die Verwandtschaft von Alice stammt teilweise aus dem Rheintal. Die „Hassinger“-Linie ist noch heute rund um Schornsheim und Wörrstadt im heutigen Rheinhessen zu Hause, und andere Linien stammen aus der Gegend um Landau in der Pfalz. Alice und Bill waren auch bereits Gast in unserem Haus, und in „Hiwwe wie Driwwe 2“ kommt sie zu Wort, Ich bin sicher, Monji El Beji und sie haben sich gut verstanden, auch wenn sie sich nicht immer im wörtlichen Sinne verstanden haben. Pfälzisch und Pennsylvania-Deutsch sind eben am Ende doch recht unterschiedlich.

Roland Paul – Türöffner nach Pälzylvania

Roland Paul am Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde in Kaiserslautern (2013)

Zum ersten Todestag von Roland Paul am 24. Juni 2024

Wer wie ich Anfang der 1990er Jahre im Pennsylvania Dutch Country in den USA linguistische Studien durchführen wollte, brauchte „Türöffner“ und damit Menschen, die relevante Dialektsprecher kannten und einen Kontakt herstellen konnten. Vertrauen war hier wichtig, denn manche pennsylvanisch-deutsche Gruppen wie Amish oder konservative Mennoniten waren vorsichtig, wenn es um Kontakte mit Fremden – zumal von der Universität – ging. Das sind sie noch immer.

Ich hatte zwei Türöffner: Prof. C. Richard Beam (1925-2018) für die konservativen Sektengruppen in Lancaster County, und Roland Paul (1951-2023), der mich mit Prof. Don Yoder (1921-2015) bekannt machte und mir so die pennsylvanisch-deutsche Welt der Lutheraner und Reformierten erschloss.

Roland hatte ich 1992 am Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde in Kaiserslautern kennengelernt. Allerdings eher im Vorübergehen, denn Ziel meiner damaligen Besuche war die Arbeitsstelle des Pfälzischen Wörterbuchs – ein Projekt, das Dr. Rudolf Post betreute und 1998 auch mit der Publikation des letzten Bandes zum Abschluss brachte. Meine Magisterarbeit zu Französismen im Pfälzischen an der Universität Mannheim beendete ich 1993, und meine Promotion über den englischen Einfluss auf die Dialektliteratur der Pennsylvaniadeutschen dann 1996.

1997 gründete ich die pfälzisch-pennsylvanische Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“, die noch heute erscheint und die Ausgangspunkt für eine ganze Reihe von Projekten zum selben Thema war und ist. Erst ab diesem Zeitpunkt waren Roland und ich in regelmäßigem Kontakt. Er wurde intensiver, als wir ab 2003 im neu gegründeten Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreis e.V. (DPAK) zusammenarbeiteten.

Don Yoder hatte ich mit Rolands Hilfe zweimal in einer Bibliothek getroffen, aber da der Kontakt aufgrund des gemeinsamen Interessensgebietes der pfälzisch-amerikanischen Nordamerikaauswanderung nun immer enger wurde, legte Roland mir einen längeren Besuch in Don Yoders Landhaus in Devon (PA) nahe. Ich wusste, dass Roland bei seinen längeren Pennsylvania-Aufenthalten immer in der kolonialen Villa von Don Yoder wohnte – und Don war bereit, mich auch privat zu empfangen, so dass ich in den Jahren zwischen 2000 und 2015 immer einmal wieder für mehrere Stunden Gelegenheit hatte, mich mit einem der Väter der pennsylvanisch-deutschen Volkskunde auszutauschen. Immerhin war Don Yoder einer der Gründer des Kutztown Folk Festivals im Jahr 1951.

Don Yoder und Michael Werner in Devon (PA) im Jahr 2007

Mit Don sprach ich über Geschichten, die ich im Rahmen meiner linguistischen Studien auf Band aufgenommen hatte, und die mir zum Teil als Pfälzer eigenartig vertraut vorkamen. Bei anderen stand ich völlig im Wald und konnte mir auf nichts einen Reim machen: Da sprach eine Frau von einem „Bucklich Maennli“, das bei ihr neben dem Herd in einer unaufgeräumten Ecke der Küche wohnte. Ein Mann berichtete von einer Vogelscheuche auf dem Feld, die er „Butzemann“ nannte und die Opfergaben erhielt. Ein anderer machte alljährlich im März eine Prozession um sein Grundstück herum, sagte eigenartige Sprüche und legte in allen Ecken Samen als  Geschenke für Elfen ab und Teile eines Fisches für Katzen, die einer Gottheit mit Namen „Freya“ gehörten. Letztlich fand ich in einem Kochbuch das Rezept für Hirschgeweihkekse („antler cookies“), die im Februar gebacken werden, um sie im Wald als Opfergabe für den „Waldmops“ abzulegen. Kurz: Es waren ganz seltsame Geschichten, die irgendwie nicht und irgendwie doch zusammenpassten. Konnte es sein, dass sich mir in Pennsylvania eine Tür geöffnet hatte, um über die kulturellen Praktiken der Pennsylvania-Deutschen einen Blick auf die Pfalz und die Pfälzer im 18. Jahrhundert zu erhalten? Heute kann ich sagen, dass das genau so ist. Ich gehe noch einen Schritt weiter und sage, man kann die Pfalz vielleicht überhaupt nur verstehen, wenn man die für die Pfalz relevanten Auswanderungsgesellschaften besucht und von ihnen lernt, wie unsere Vorfahren vor 300 Jahren gelebt und gedacht haben. Auf einmal wird es dann möglich zu erkennen, was wirklich hinter dem Belznickel steckt oder hinter unseren pfälzischen Elwedritsche. Eines sind letztere ganz sicher nicht: Fabeltiere. Don Yoder und ich haben viele Stunden zusammengesessen und miteinander gesprochen: Über Pennsylvania, die Pfalz, Roland Paul und vieles andere. Und manches von dem, was wir ausgetauscht haben, hat weiter in mir gearbeitet und mich auf Wege geführt, an deren Ende – zum Teil erst Jahre später – spannende Erkenntnisse standen.

Roland Paul (Mitte) 2015 in Bockenheim bei der Verleihung des Emichsburg-Preises an den Vorstand des Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreises e.V.: Von links Heike Benß, Bgm. Kurt Janson, Sänger John Schmid (Berlin, OH), Roland Paul, Dr. Michael Werner, Frank Kessler, Volker Gallé und Doris Schweitzer

Im Frühjahr 2023 rief ich Roland an und hatte ihn überraschenderweise auch gleich am Telefon. Ich würde mich gerne mit ihm treffen, sagte ich ihm, weil ich ein neues Buch plane und in dem Kontext seine Meinung zum ein oder anderen inhaltlichen Aspekt haben wollte. Er sagte zu, aber wir vereinbarten keinen konkreten Termin. Zu diesem Gespräch kam es leider nicht mehr, weil Roland Paul am 24. Juni 2023 überraschend verstarb, kurz vor einem Vortrag, den er halten wollte.

Die Chance in Roland Pauls Leben, bei einem Vortrag oder einem Familientreffen zu versterben, war deutlich größer als bei anderen Menschen. Denn wenn ich ihn traf oder sprach, kam er immer von einem Vortrag oder Familientreffen bzw. war auf dem Sprung zu einer solchen Veranstaltung. Bei fast allen Events, die wir gemeinsam besuchten, kam er mit etwas Verspätung an. Sein Terminplan war immer übervoll. Um so mehr rechne ich ihm hoch an, dass er zu meinem 50. Geburtstag, den ich 2015 im Auswanderermuseum Oberalben feierte, nicht nur kam, sondern sogar pünktlich war. Aber er hatte ja auch einen Vortrag zu halten …

Der Pälzylvanier

Doug Madenford – Botschafter des Pennsylvania Dutch Country in der Pfalz

Michael Werner und Douglas Madenford (2017)

Es gibt Entscheidungen, die reifen über einen längeren Zeitraum. Und es gibt Entscheidungen, die werden, wenn vielleicht nicht völlig spontan, so doch aus ein bestimmten Anlass heraus getroffen. Douglas Madenford hat vor etwa zwölf Jahren eine Entscheidung getroffen, und vielleicht war ich ja in diesem Moment sogar dabei, also persönlich anwesend. Wer weiß.

Im Sommer 2012 trafen sich jedenfalls auf Einladung des Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreises e.V., Emichsburg-Preisträger des Jahres 2015, in einem alten Schulhaus in Kutztown (PA) eine Gruppe von 14 Menschen – überwiegend jüngere Sprecherinnen und Sprecher der pennsylvanisch-deutschen Mundart. Gemeinsam wollten wir überlegen, mit welchen Maßnahmen und Aktionen wir den aktiven Gebrauch des Pennsylvania-Deutschen stützen und auch den Kontakt zwischen Pennsylvania und der Pfalz weiter intensivieren könnten.

Zu diesem Zeitpunkt gab es diverse Zeitungskolumnen in Mundart, mit „Hiwwe wie Driwwe“ sogar eine eigene Zeitung, mit der „Deitsch Schtunn“ eine monatliche pennsylvanisch-deutsche Fernsehsendung im Regionalfernsehen, die Aktivitäten der sogenannten „Grundsau Lodges“, Versammlungen von Kirchengemeinden mit Mundart-Programm und einiges mehr.

Was es aber nicht mehr gab, war ein Mundart-Radioprogramm. Die über Jahrzehnte etablierte „Wunnerfitz Schtunn“ – „wunnerfitzig“ bedeutet „neugierig – von Dave Hendricks (1925-2009) war ebenso eingestellt worden wie die Sendung „Die alte Kumraade“ meines Freundes C. Richard Beam (1925-2018) aus Millersville.

Einige der Teilnehmer des DPAK-Treffens in Kutztown 2012 waren mit einem Programm schon auf „Hiwwe wie Driwwe Palatinate Tour“: Ben Rader (1. v. l.: 2019), Ed Quinter (4. v. l.: 2008), Patrick Donmoyer (3. v. r.: 2018), Doug Madenford (2. v. r.: 2019, 2022) und Chris LaRose (1. v. r.: 2016). Auch Rob Reynolds (5. v. l.), Sonja Rader (2. v. l.) und Ashley Snyder (6. v. r.) kommen regelmäßig nach Deutschland und in die Pfalz

Wir diskutierten lange und intensiv in diesem „One Room Schoolhouse“, diesem „eeschtubbiche Schulhaus“, das auf dem Gelände des Pennsylvania German Cultural Heritage Center gelegen war. Das Kulturzentrum wird von unserem Freund Patrick Donmoyer geleitet. Wenn ich mir das Foto von damals anschaue, stelle ich fest, dass ich mit meinen seinerzeit 47 Jahren schon zu den Ältesten gehörte. Wie auch immer …

Es fehlte jedenfalls ein journalistisches Format, das es erlaubte, die pennsylvanisch-deutsche Mundart zu hören. Ein Vorsprechen bei diversen Radiostationen wurde schnell verworfen. Die Eigentümer dieser Stationen wechseln von Zeit zu Zeit, und in der Regel haben die „Radiomacher“ heute keinen Bezug zur pennsylvanisch-deutschen Kultur. Das Geschäftsmodell ist, Gewinn mit Werbung zu erzielen – aber das funktioniert mit Mundart „hiwwe wie driwwe“ nicht. Irgend jemand hatte im Verlauf unserer Diskussion in Kutztown die Idee, hierfür „Youtube“ zu nutzen. Der Vorteil lag auf der Hand: Das 2005 gegründete Unternehmen erlaubte es, mit den damals neuen digitalen Kameras schnell und einfach eigene Videos aufzunehmen und hochzuladen. Man konnte also sogar audiovisuell arbeiten – mit Ton UND mit Bild. Wir diskutierten, wie sinnvoll es wäre, ein solches Format zu haben. Aber irgendwie drehten wir uns im Kreis.

Auf einmal meldete sich Doug Madenford und sagte kurz und trocken: „Well, ich kann sell duh.“ Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits einen eigenen Youtube Channel, dort aber erst ganz wenige Videos – meist Weihnachtsgrüße – hochgeladen.

„Es eeschtubbich Schulhaus“ auf dem Gelände des Pennsylvania German Cultural Heritage Centers in Kutztown (PA)

Und heute, 12 Jahre später, ist er mit über 1.200 hochgeladenen Videos und 12.500 Abonnenten der wirklich erste „pennsylvanisch-deitsche Social Media Influencer“. Rund 1,8 Millionen Aufrufe haben seine Mundart-Videos zwischenzeitlich erhalten.

Es gibt in seinem Channel einen Sprachkurs mit 41 Lektionen, Videos zu einzelnen Mundart-Wörtern und pennsylvanisch-deitsche Musik. Vor allem aber gibt es das Format „Ask a Pennsylvana German Dutchman“ – „Frag einen Pennsylvaniadeutschen“ -, das er gemeinsam mit seinem Freund Chris LaRose produziert. Menschen stellen per E-Mail Fragen zur Sprache und Kultur der Deutschstämmigen in Pennsylvania – und Chris und Doug geben Antworten. Das ist nicht nur lehrreich, sondern oft superlustig. Und im Grunde greifen sie das Prinzip der alten Radio-Wunnerfitz-Schtunn auf. Dort konnten Hörerinen und Hörer „live“ in der Sendung anrufen und Dave Hendricks Fragen stellen oder Gedichte vortragen. Der Youtube-Channel von Doug Madenford mit seinen diversen Formaten ist die zeitgemäße Weiterentwicklung dieses Ansatzes. Und seit einer Weile geht Doug mit seinem Format „Pennsylvania Dutch LIVE“ monatlich auf Youtube auch wirklich in Echtzeit „on air“. Hier ist dann – wie bei der „Wunnerfitz Schtunn“ – wirkliche Interaktion möglich. Auch viele Pfälzerinnen und Pfälzer zählen zum Stammpublikum, und immer geht es in den Videos und Sendungen auch um das, was uns hier am Rhein mit den entfernten Verwandten in Pennsylvania verbindet: unsere Sprache und unsere Kultur.

Der erste Kontakt: Doug Madenford grüßt mit seiner Schulklasse die Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“ (2004)

Im Jahr 2016 meldeten sich die südpfälzer Filmemacher Benjamin Wagener und Christian Schega bei mir. Sie waren im Internet über das Pennsylvania-Deutsche gestolpert und sehr erstaunt über die vielen Gemeinsamkeiten in den  Mundarten der Pfalz und Pennsylvania. Sie hatten die Idee entwickelt, eine Filmdokumentation zu machen, und suchten hierfür den geeigneten Protagonisten.

Nach kurzem Überlegen schlug ich Doug Madenford vor. Ich hatte im Februar 2015 in Pennsylvania mit einfachsten technischen Mitteln eine 30-minütige Mini-Dokumentation zum Thema Pennsylvania-Deutsch gemacht und etwas später auf Youtube hochgeladen: „Hiwwe wie Driwwe – Pennsylvanisch-Deitsch im Yahr 2015“. Die Idee war gewesen, einen Videoclip kompett in Pennsylvania-Deutsch zu erstellen. Das gab es bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht – und auch Doug hatte ich vor meinem Fotoapparat gehabt, mit dem ich die Videosequenzen aufnahm. Er sprach die Mundart seit seiner Kindheit und hatte sie von Eltern und Großeltern gelernt. Zwischenzeitlich hatte er sein Deutsch-Studium abgeschlossen und arbeitete als Lehrer in einer High School in Pennsylvania. Durch seine Studienzeit und die Partnerschaft seiner Schule mit einem Gymnasium in Buchen im Odenwald kannte er drei Kulturen – die amerikanische, die deutsche und die pennsylvanisch-deutsche – und war dreisprachig. Das ist in Amerika heute eine Seltenheit. Außerdem war er Autor des Lehrbuchs „Mir lanne deitsch“ und seit Jahren freier Mitarbeiter meiner 1997 gegründeten Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“.  Ich schrieb ihn also per Mail an, stellte das Projekt vor und auch einen direkten Kontakt zu Benjamin und Christian her. Die drei trafen sich im Rahmen seines Schulaustauschprogramms im Odenwald, machten einige Probeaufnahmen – und Doug sagte zu.

Doug Madenford in der Youtube-Minidoku „Hiwwe wie Driwwe – Pennsylvanisch-Deitsch im Yahr 2015“ (Klick auf das Bild öffnet das Video)

Benny und Christian fragten, ob sie den Titel meiner Zeitung als Filmtitel verwenden dürften. Ich hatte nichts dagegen, diese Zustimmung bei einem zeitlich befristeten Projekt zu erteilen, bei dem ich in jeder Phase der Entstehung konzeptionell eingebunden war und eine enge Abstimmung stattfand. Der Rest ist fast schon Geschichte. 2017 folgten Filmaufnahmen in Pennsylvania und in der Pfalz, und 2018 hatte die Film-Dokumentation „Hiwwe wie Driwwe – Pfälzisch in Amerika“ Vor-Premiere im rheinland-pfälzischen Landtag in Mainz. Die Aufnahme durch das Publikum war sehr positiv, und dennoch war es offensichtlich zunächst schwierig, Kinos in der Pfalz davon zu überzeugen, den Film ins Programm zu nehmen. Im April 2019 war Premiere in Landau – vor mehreren hundert Zuschauern in einem ausverkauften Kino. Das Marketing und die Presseaktivitäten im Vorfeld hatten also funktioniert. Offensichtlich „triggerte“ das Thema etwas bei Pfälzerinnen und Pfälzern: Elwedritsche und Saumagen in den USA – das gibt’s doch nicht. Gibt es eben doch, und Doug Madenford erwies – und erweist – sich als wunderbarer Botschafter dieser „Atlantik-Brücke“, die es seit über 300 Jahren gibt,  und die manchmal einige Pflegearbeiten braucht, damit sie nicht einstürzt. Wir dürfen nicht vergessen, dass ein Nachfahre pfälzischer Auswanderer zum Zeitpunkt der Kinopremiere US-Präsident war: Donald Trump.

Die Kinobesitzer in der Pfalz und angrenzenden Regionen besannen sich jedenfalls schnell eines Besseren und nahmen die Kino-Dokumentation ins Programm. Zum Teil lief der Streifen in mehreren Kinos eines Hauses parallel, um die Zuschauermassen unterzubringen. Am Ende hatten weit über 20.000 Besucher „Hiwwe wie Driwwe“ auf Rang 37 der deutschen Kino-Charts katapultiert. Ein Riesenerfolg für einen Film mit einem nur regional interessanten Thema!

2019 wurde „Hiwwe wie Driwwe – The Roots of the Pennsylvania Dutch” im Rahmen des Kutztown Folk Festivals vorgestellt – in Mundart mit englischen Untertiteln, und auch dort war die Aufnahme sehr positiv. Es folgten die Vermarktung als DVD, die Ausstrahlung über Streaming-Dienste wie „Netflix“ und „Amazon Prime“ sowie die Ausstrahlung einer verkürzten Fassung im deutschen Fernsehen – beim SWR in Mainz.

Dann kam Corona und legte alles lahm. Und alle hatten Zeit zum Nachdenken. Bei Benjamin Wagener reifte der Entschluss, eine Fortsetzung von „Hiwwe wie Driwwe“ ins Kino zu bringen – mit umgekehrten Vorzeichen. Diesmal sollte nicht ein Pennsylvania-Deutscher in die Pfalz, sondern ein Pfälzer nach Pennsylvania reisen. Und mit Monji El Beji, Sänger der Bands „Fine R.I.P.“ und „Woifeschdkeenich“, wurde ein Hauptprotagonist gefunden, der die Geschichte tragen sollte. Zwischenzeitlich läuft der Film erfolgreich in den Kinos.

Das nächste – für die Jahre 2026/2027 geplante – Projekt der Filmemacher nimmt die pfälzischen Auswanderer in Brasilien in den Blick. Ich wünsche hierfür viel Erfolg! Die 2018 dem Filmprojekt „Hiwwe wie Driwwe – Pfälzisch in Amerika“ zeitlich befristet geliehene Marke wird damit im Sommer 2025 in die alleinige Verfügungsgewalt des Eigentümers zurückgegeben, so dass künftig wieder klar ist, dass hinter einer Botschaft unter dem Label „Hiwwe wie Driwwe“ dessen Gründer Michael Werner steht. Hier war zwischenzeitlich ein wenig Durcheinander entstanden. Im Weiteren laufen die Filmprojekte unter dem Label „Pfalzfilme“. Ein guter Titel!

Mit der Umsetzung der beiden Filmproduktionen „Hiwwe wie Driwwe 1 + 2“ wird einer breiteren Öffentlichkeit bewusst, welchen Schatz wir in der Pfalz und Pennsylvania mit den gemeinsamen Wurzeln unserer beiden Kulturen besitzen. Wir sind in der Lage, miteinander zu kommunizieren, ohne Englisch oder Hochdeutsch sprechen zu müssen. Die Mundart genügt, und wir als Pfälzer haben auch die Gelegenheit, wie durch ein Schlüsselloch in unsere eigene Vergangenheit zu blicken. Denn die Pennsylvania-Deutschen haben bis heute bewahrt, was bei uns durch mehrere Kriege und Industrialisierung längst vergessen ist. So können wir zum Beispiel Bräuche kennenlernen, die auch bei uns in der Pfalz im 18. Jahrhundert noch bekannt waren und auf diese Weise im Kontakt mit Pennsylvanisch-Deutschen mehr über unsere eigene pfälzische Identität lernen.

Und die Freundschaft zwischen Pfälzern und Pennsylvania-Deutschen hat ein Gesicht: Doug Madenford. Mit seiner charmanten Art ist er zu einem Botschafter des Pennsylvania Dutch Country bei uns in der Pfalz geworden.

Der Pälzylvanier

Michael Werner: Das Geheimnis der Elwedritsche

Mein Bühnenprogramm im Jahr 2024 trägt den Titel „Das Geheimnis der Elwedritsche“. In rund 90 Minuten lernen wir das Pennsylvanisch-Deutsche als Mundart kennen und begegnen alten pfälzischen Ritualen und dunklen Gefährten, die auf der anderen Seite des Atlantiks 300 Jahre überlebt haben – während sie in der Pfalz und angrenzenden Regionen (fast) vergessen wurden. Am Ende wird das Rätsel gelöst, was sich hinter den pfälzischen Elwedritsche wirklich verbirgt.

Hier können die Liedtexte zum Programm heruntergeladen werden: