Category Archives: Der Pälzylvanier

Paul Brands – Der Theatermacher

Paul Brands (1941-2021)

Eine Würdigung

An Paul denke ich oft, auch wenn wir uns in den Jahren vor seinem Tod selten – und dann auch nur zufällig – gesehen haben. Aber die meisten von uns werden, wenn sie sich an die eigene Schulzeit zurückerinnern, vielleicht ein oder zwei Lehrinnen oder Lehrer benennen können, die Eindruck hinterlassen haben. Bei mir sind es sogar drei, und sie alle unterrichteten Deutsch. Paul gehörte unbedingt dazu.

Dabei war sein Unterricht, als ich ihn 1980 in der Mittelstufe erstmals als Deutschlehrer bekam, nicht sonderlich strukturiert. Und damit kann ich immer schlecht umgehen. Als sich unsere Wege 1982 zunächst wieder trennten, war ich nicht sonderlich traurig.

Doch schon 1983 trafen wir uns wieder. Er besuchte eines Abends den Musiksaal des Albert-Einstein-Gymnasiums in Frankenthal, wo wir mit unserer Schülerband probten. Er inszenierte gerade mit der Schultheatergruppe Ulrich Plenzdorfs Stück “Die neuen Leiden des jungen W.”, eine moderne Adaption von Goethes Werther-Stoff. Und hierfür suchte er eine begleitende Musikband. Natürlich waren wir Feuer und Flamme, denn die Aufführungen der Theater-AG waren immer gut besucht. Und für 1984 war mit diesem Stück eine Theater-Tour durch Frankreich geplant, die die Truppe unter anderem nach Paris und Montpellier führen sollte. Wir Musiker sagten gerne zu.

“Mr. Molotow’s Cocktail Party” bei einem Auftritt in Frankenthal (1984)

Die Inszenierung von Paul Brands war sehr erfolgreich. Nicht nur wir Musiker hatten danach “Lust auf mehr”. Auch der Hauptdarsteller Peer Damminger wurde so vom Theater-Virus infiziert, dass er heute in Ludwigshafen die “KiTZ Theaterkumpanei” betreibt. 1985 brachte Paul mit der Schultheatergruppe Erich Kästners “Die Schule der Diktatoren” zur Aufführung, wieder mit großem Erfolg. Es gab Vorstellungen bei den rheinland-pfälzischen Schultheatertagen und in der Hamburger Kammgarn-Fabrik bei einem bundesweiten Theatertreffen. Wir waren mit unserer Band “Mr. Molotow’s Cocktail Party” musikalisch mit dabei. Spätestens jetzt muss eine Hauptdarstellerin dieses Stücks ebenfalls infiziert worden sein: Petra Simon. Sie machte Karriere in der Theaterbranche und ist seit 2024 Geschäftsführerin der Nibelungen-Festspiele Worms.

Das alles – da bin ich mir sicher – hat sehr viel mit Paul Brands zu tun. Jedes Jahr fuhr er an Pfingsten zum “wild campen” in die Carmargue, und über Jahre hinweg waren viele von uns ehemaligen Schülerinnen und Schülern dabei. Wir fuhren einfach runter nach Südfrankreich, weil wir wussten, dass wir ehemalige Mitglieder der Schultheatergruppe dort treffen würden. Ich war bis 1991 immer wieder im kleinen Ort Salin-de-Giraud, wo der Treffpunkt war – direkt am Strand. In diesem Jahr gründete Paul auch sein “Theater Alte Werkstatt” einer ehemaligen Schreinerei in der August-Bebel-Straße in Frankenthal. Im Anschluss verschob sich sein Interesse noch ein wenig mehr von der Schule weg und hin zum Theater, und mit seiner Pensionierung wurde er zum Vollzeit-Theaterleiter. Irgendwann erfolgte der Umzug an den heutigen Standort in der Wormser Straße.

1985 – nach meinem Abitur – hatte er mich bei meiner Kriegsdienstverweigerung mit einem Referenzschreiben unterstützt, und als ich 1992 im Rahmen meiner Magisterarbeit zu “französischen Lehnwörtern im Pfälzischen” Fragebögen auch an Schülerinnen und Schüler ausgeben wollte, machte er das möglich. Längst hatte ich im Rahmen meines Germanistik-Studiums meinen Schwerpunkt auf “Dialektologie” gelegt. Bis heute lässt mich das Thema nicht los. Wir blieben in Kontakt, und ich gratulierte ihm noch einige Jahre zum 39. Geburtstag – weil er eine Weile mit einem verschmitzten Lächeln an dieser Zahl festhielt.

Jahre später traf ich ihn bei einer Jurysitzung des Pfälzischen Mundartdichter-Wettstreits wieder. 1998 war ich Mitglied dieses Gremiums geworden, und für zwei Jahre arbeitete er in diesem Kreis mit. Das muss um 2010 herum gewesen sein. Ich habe mich sehr gefreut.

Natürlich habe ich gehört und gelesen, dass es im “Theater Alte Werkstatt” irgendwann Konflikte gab. Es kam zur Trennung im Unfrieden. Die Hintergründe kenne ich nicht, und sie sind für mich auch nicht von Belang. Paul Brands hat im Laufe seiner Schul- und Theaterkarriere bei ganz vielen jungen Menschen Impulse gesetzt, die ihre Lebenswege maßgeblich beeinflusst haben. Ich bin einer von ihnen. Danke, Paul!

Der Pälzylvanier

Wilhelm Hauth – Der Chef-Tritschologe

Wilhelm Hauth (1950-2025) im Auswanderermuseum Oberalben im Jahr 2015

Zum Tod von Wilhelm Hauth

“Tritsch, tritsch – uiuiuiui” – so habe ich Wilhelm Hauth kennengelernt. Das war bei einem Vortrag in seiner Heimatstadt Landau, möglicherweise im Jahr 2010. Jedenfalls sprach er überzeugend von der Pfalz als “Elwedritsche”- und Bayern als “Wolpertinger”-Gebiet – und davon, dass er sich zu einer Expedition aufmachen wollte, um die Zwischenbereiche dieser beiden Habitate zu erforschen. Insbesondere sei er auf der Suche nach “Elwetingern” und “Wolpertritschen”. Dann erklärte er mit dem Brustton der Überzeugung Biologie und Verbreitung beider Populationen, Mutationen und natürlich seine besonderen Fangmethoden. Auf einem nachfolgenden Vortrag wolle er seine bahnbrechenden Erkenntnisse präsentieren. “Ich werde nachweisen, dass” kam in seiner Rede bestimmt zwei Dutzend mal vor.

Gestern habe ich gelesen, dass er im Alter von 75 Jahren verstorben ist.

Auf seinem Folgevortrag war ich nicht gewesen, aber wir waren seitdem in Kontakt und einem freundschaftlichen Austausch. Er besuchte Veranstaltungen des Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreises, und manchmal sah man ihn auch in Bockenheim bei Mundartveranstaltungen. Mich interessierte das Thema Tritschologie, und gleichzeitig wurde mir bei meinen regelmäßigen Aufenthalten in Pennsylvania immer mehr klar, dass hier etwas nicht stimmt: Die Gebräuche “hiwwe” und “driwwe” sind – abgesehen von der Jagd als solcher – einfach zu unterschiedlich. Die Elwedritsch in der Pfalz gilt als lustiger, aber scheuer Vogel. Die pennsylvanische Elbedritsch kommt düster-dämonisch daher, und man hält sich das, was sich dahinter verbirgt, besser vom Leib. Haus und Hof schützt man vor diesem Einfluss. Das passte nicht zusammen. Der Widerspruch löst sich erst auf, wenn man die Elbedritsch in Pennsylvania als 300 Jahre ältere Variante des fantastischen Tierwesens begreift, das man heute in der Pfalz jagt. Ich sprach öfter mit Wilhelm über das Thema, auch über meinen Entschluss, ein Buch zum Thema “Elwedritsche” zu schreiben und der Geschichte darin auf den Grund zu gehen. Er hat mich bestärkt und das Crowdfunding noch im Januar 2025 großzügig unterstützt. Als ich ihm im April das fertige Buch schickte, blieb es jedoch unerwartet ruhig. Da ich wusste, dass seine Gesundheit seit längerem angeschlagen war, rechnete ich mit einem Anruf oder einer Mail zu einem späteren Zeitpunkt. Jetzt erreichte mich die Todesnachricht, die mich sehr traurig macht.

Wilhelm Hauth in einem Interview in Hiwwe wie Driwwe Ausgabe 2 (2012)

Denn die Pfalz verliert mit Wilhelm Hauth den unumstrittenen Chef-Tritschologen. Jahrzehntelang hat er das Jägerlatein rund um die Elwedritsche-Jagd gesponnen und vermehrt – immer ausgesprochen unterhaltsam. Als er sich im vergangenen Jahr aus dem Elwetrittche Verein Landau zurückzog, fand sich kein Nachfolger. So musste sich der Verein 2024 auflösen. Auch Gernot Rumpf (1941-2025), Schöpfer des wundervollen Elwedritsche-Brunnens in Neustadt an der Weinstraße, ist vor wenigen Wochen verstorben. Diese Daten markieren im kulturellen Leben der Pfalz eine tiefe Zäsur. Hoffentlich finden sich irgendwann Jüngere, die in die großen Fußstapfen von Wilhelm Hauth treten.

Was die wirkliche Herkunft der Elwedritsche betrifft, waren Wilhelm Hauth und ich am Ende übrigens völlig einig. Darüber sprach der listige Tritschologe mit mir aber nur unter vier Augen. Sobald die Tür aufging, die Bühne wartete und das Publikum klatschte, machte er sich wieder auf die Suche nach “Elwetingern” und “Wolpertritschen”.

“Weidmannsheil”, lieber Wilhelm – wo immer du jetzt jagst.

Der Pälzylvanier

Heidrun Werner – Die Lotsin

Nicht verwandt und nicht verschwägert: Heidrun Werner und Michael Werner im Auswanderermuseum (2025)

Eine Würdigung

Am 25. März 2025 ging im kleinen Oberalben bei Kusel in der Westpfalz eine Ära zu Ende: Heidrun Werner, langjährige Vorsitzende und gemeinsam mit ihrem 2015 verstorbenen Mann Ekkehard „Ekkel“ Werner und weiteren engagierten Menschen im Dorf Wegbereiterin des kleinen Auswanderungmuseums, hat nach über 30 Jahren den Vorstand verlassen. Wo es viel um Schiffe und die Überfahrt in die neue Welt geht, darf man sagen: Die Lotsin geht von Bord! Mit der neuen Vorsitzenden Sabrina Werner, dem 2. Vorsitzenden Sebastian Gilcher und einem großen Team jüngerer Mitstreiterinnen und Mitstreiter übernimmt jetzt eine neue Generation die Geschicke des Museums, das 1993 gegründet worden ist und eine Erfolgsgeschichte wurde.

Und es gibt viele Ideen: Neben den traditionsreichen Veranstaltungen Ostermarkt, Irish Folk, Jazz und dem pennsylvanischen Abend gibt es Kneipenabende, Whisky Tastings und vieles mehr. Das Museum ist oft gut gefüllt, und auch der Rubel rollt. Das ist wichtig, denn die alte westpfälzische Scheune ist im Unterhalt teuer. Da wird jeder Euro gebraucht.

1993-2023: 30 Jahre Auswanderermuseum wurden gebührend gefeiert

Heidrun Werner hat versprochen, sich nicht komplett zurückzuziehen, sondern gemeinsam mit den beiden Vorsitzenden eine Arbeitsgruppe einzuberufen, die die konzeptionelle Weiterentwicklung des Museums vorantreiben wird. Hier gibt es bereits viele Ideen: Neben der Nordamerika-Auswanderung könnte Brasilien als Zielland der Pfälzer verstärkt in den Blickpunkt genommen werden (2024 war das Jubiläumsjahr „200 Jahre Brasilien-Auswanderung“), die Südosteuropa-Auswanderung in die Batschka, ins Banat und nach Galizien ist unterrepräsentiert, und letztlich ist sicher zu überlegen, die Parallelen der historischen Wanderungsbewegungen mit aktuellen Migrationswellen des 21. Jahrhunderts aufzuzeigen. Dabei wird es vermutlich auch darum gehen, einen zeitgemäß modernen Zugang zum Thema zu schaffen, der über das Aufhängen von Infotafeln hinaus geht. Ich bin sicher, Heidrun wird sich hier mit Energie und Leidenschaft weiterhin einbringen.

Sie und Ihren Mann habe ich Ende der 1990er Jahre bei einem ersten Besuch kennengelernt. Wir haben Familie in Ulmet, das nur einen Katzensprung vom Museum entfernt ist. 2003 trat das Museum dem neu gegründeten „Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreis e.V.“ bei, und seitdem arbeiten wir intensiv zusammen. Der erste Deutsch-Pennsylvanische Tag wurde 2006 in Oberalben begangen. Seit 2008 bringt „Hiwwe wie Driwwe“ jedes Jahr im Oktober mit der “Hiwwe wie Driwwe Palatinate Tour” einen Künstler bzw. eine Künstlerin aus Pennsylvania in die Pfalz, um Pfälzerinnen und Pfälzern an verschiedenen Orten die pennsylanisch-deutsche Kultur näherzubringen. Oberalben ist hier immer dabei, und so ist die Liste der Menschen lang, die schon im Auswanderermuseum gesungen oder gesprochen haben: John Schmid (2010, 2015, 2020, 2023), Don Breininger (2011), Keith Brintzenhoff (2012), Richard Miller (2013), Bill Meck (2014), Chris LaRose (2016), Mike & Linda Hertzog (2017), Patrick Donmoyer (2018), Benjamin Rader (2019), Erich Mace (2022), Doug Madenford (2017, 2022) und Scott Reagan (2024).

Nicht verwandt und nicht verschwägert: Heidrun Werner und die neue 1. Vorsitzende des Fördervereins Auswanderermuseum Oberalben, Sabrina Werner (2025)

Vielen Menschen im Ort ist, glaube ich, gar nicht bewusst, was für ein Juwel das Museum ist. Man muss sonst weit fahren, um sich in einer Ausstellung mit Auswanderung beschäftigen zu können: nach Hamburg ins Auswanderermuseum BallinStadt oder gleich ins Deutsche Auswandererhaus Bremerhaven. Das Auswanderermuseum Oberalben ist ein echter „Scheinriese“ wie Herr Tur Tur im 1960 erschienenen Buch „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ von Michael Ende. Je weiter man sich von Oberalben entfernt, um so größer wird das Museum aus Sicht der Menschen, die darauf schauen. In Pennsylvania jedenfalls ist es durch die Besuche der vielen Freunde und Künstler mittlerweile gut bekannt und eine der wichtigen Adressen, wenn man in der Pfalz unterwegs ist.

Dies alles wäre nicht möglich gewesen ohne den über 30 Jahre währenden Einsatz von Heidrun, die alle Besucherinnen und Besucher immer mit Kompetenz und Herzenswärme empfangen hat. Völlig verdient ist sie jetzt auch Ehrenmitglied des Museumsvereins. Ich bin ganz sicher, sie wird sich in verschiedenen Funktionen auch weiterhin engagiert in die Museumsarbeit einbringen. Dem neuen Vorstandsteam wünsche ich viel Spaß und alle Zeit ein volles Haus!

Prof. C. Richard Beam – Der Herr der Wörter

Der 90. Geburtstag – Dick Beam und Michael Werner am 15. Februar 2015 in Lancaster (PA)

Zum 100. Geburtstag von Dick Beam (1925-2018) am 15. Februar 2025

„Ei Bu, wu bleibscht du dann? Es Owetiems (Abendessen) iss reddi (fertig)!“ Das waren die ersten Worte, die ich aus dem Mund von Prof. C. Richard Beam (1925-2018) aus Millersville (PA) vernahm. Es war im Juli 1994, und ich besuchte Lancaster County zum ersten Mal. Ich kam aus Deutschland und konnte – müde und damals noch mit Landkarte und ohne Handy unterwegs – sein Haus nicht finden.

Ein Tankwart rief für mich an, und Herr Beam holte mich ab. In den darauffolgenden zwei Wochen arbeitete ich im Rahmen meines Promotionsstudiums in diversen Archiven und besuchte allein oder gemeinsam mit ihm Mundartsprecher und -schreiber, außerdem einige seiner Freunde, vor allem Amish und Mennoniten. Die Eindrücke dieser zwei Wochen waren so nachhaltig, dass mich der Landstrich und seine Menschen bis heute nicht mehr loslassen.

Dick Beam am “Center for Pennsylvania German Studies” der Millersville University im Juli 1994

Professor Beam war ziemlich exakt 40 Jahre älter als ich und kannte durch seine Forschungen für das in Publikation befindliche pennsylvanisch-deutsche Wörterbuch unendlich viele Menschen – und fast jeder kannte ihn oder hatte schon von ihm gehört. Er war nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Zeitungskolumnist und Radiomoderator. Mit seinem Freund Ernest Bechtel, dem „Busch Gnippel“, verantwortete er viele Jahre die Sendung „Die Alde Kumraade“. „Der Ernie iss en groosser Gnippel aus em Busch, ich bin yuscht en gleener“, erklärte Beam einmal. Ernie war also der große Waldschrat, er nur ein kleiner. Damit war sein Spitzname gefunden: „Bischli Gnippli“.

Mit Ernie teilte Dick Beam die Kriegserfahrung. Gleich nach der High School 1943 war er eingezogen und nach der Grundausbildung nach England verlegt worden. Über den D-Day hat er in den 25 Jahren, die ich ihn kannte, nur ein einziges Mal berichtet. Er sagte, er habe Glück gehabt, erst in einer späten Welle nach Frankreich übersetzen zu müssen. Da sei der Strand längst in der Hand der Alliierten und ein Brückenkopf gebildet gewesen. Später nahm er an der „Battle of the Bulge“ teil, als die Deutschen in der Ardennenoffensive 1944/45 noch einmal versuchten, Terrain zurückzugewinnen. Die Brücke von Remagen hat er mit der US Army überquert, bevor sie einstürzte. Für ihn war es ein Überlebensvorteil, deutsch zu können: „Dass ich in der High School zwei Jahre Hochdeutsch hatte, qualifizierte mich für Übersetzungsaufgaben. Das hat mir vielleicht das Leben gerettet.“ Kurz vor seinem Tod hat er mir einmal gesagt: „Ich bin nach Deutschland gelaufen und wieder zurückgelaufen – musste keinen einzigen Schuss abgeben und niemand hat auf mich geschossen.“ Aber er hätte geschossen, auch daran ließ er keinen Zweifel. Und sein Blick auf den Krieg war differenziert: „Wir haben gegen Hitler und seine Kumpane gekämpft, nicht gegen die Deutschen insgesamt.“

Dick Beam liest in der Zeitung “Hiwwe wie Driwwe” (2017)

Das hat mich schwer beeindruckt, und aus heutiger Perspektive ist das ein Blick in eine lang vergangene Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, als aus Deutschland und Amerika Partner und schließlich Verbündete und Freunde wurden. Heute muss man sich an die für uns sehr wichtige deutsch-amerikanische Partnerschaft angesichts der US-Tagespolitik ja manchmal wehmütig erinnern. Dick Beam begleitete diesen Prozess der transatlantischen Annäherung, studierte in Marburg und Wien und kam mit seiner Frau Dorothy später für drei Jahre –1967 bis 1970 – nach Deutschland zurück, um in der Forschungsstelle des Deutschen Sprachatlasses mitzuarbeiten. Kurzum: Dick Beam, der im Januar 2018 im Alter von fast 93 Jahren verstorben ist, war ein Transatlantiker durch und durch. Konservativ, aber weltoffen und sich der besonderen globalen Verantwortung der USA immer bewusst.

Sein erstes Wörterbuchprojekt hieß „Abridged Pennsylvania German Dictionary“ – ein kleines Büchlein, das 1970 von der damaligen „Heimatstelle Pfalz“ (dem heutigen Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde) herausgegeben wurde. Die bereits erwähnte Radiosendung „Die Alde Kumraade“ startete 1971 und wurde auch nach Bechtels frühem Tod immerhin bis 2013 weitergeführt. Damit war sie über 42 Jahre wöchentlich „on air“. 1975 begann er seine Zeitungskolumne „Es Pennsilfaanisch Deitsch Eck“, die der bis kurz vor seinem Tod betreute. Sie wurde von verschiedenen Publikationen in Pennsylvania und Ohio abgedruckt. Als Beam 1986 die Position eines „full professor“ an der Millersville University erhielt, gründete er das „Center for Pennsylvania German Studies“. Für viele Jahre war es der Anlaufpunkt für alle, die sich für das Pennsylvania-Deutsche interessierten – und so auch für mich. In den folgenden über 30 Jahren entstanden mehr als 40 Bücher, darunter das zwölfbändige Wörterbuch „The Comprehensive Pennsylvania German Dictionary“.

Dick Beam in seinem “Faulenzerstuhl” (“Lazy Boy”), im Vordergrund eine Ausgabe von “Hiwwe wie Driwwe” (2005)

Die Idee, mit „Hiwwe wie Driwwe“ eine kleine transatlantische Zeitung zu gründen, die die Nachfahren der im 18. Jahrhundert Ausgewanderten mit denen der damals im „alten Land“ Verbliebenen zusammenführen sollte, habe ich zuerst mit ihm diskutiert. Er hat das Projekt sehr befürwortet und über viele Jahre aktiv begleitet. Und so entstand aus einer Zusammenarbeit zwischen Doktorand und Professor ab 1993 eine Zeitung, ein Deutsch-Pennsylvanisches Archiv, ein Deutsch-Pennsylvanischer Arbeitskreis als Verein hier in Deutschland und manches mehr. Was immer begonnen wurde – er war der Mentor, der uns unterstützte. Und wir wurden Freunde.

Etwa 15 mal habe ich Pennsylvania in den letzten 30 Jahren persönlich besucht, und jedes Mal blieb ich einige Tage im Lancaster County. „Herr Beam“ blieb für mich dennoch immer „Herr Beam“, auch wenn er mir im Hochdeutschen mehrfach das „du“ angeboten hat. Ich fühlte mich immer gut damit und fand es angemessen.

Der Pälzylvanier

Obituary/Todesanzeige

Patrick Donmoyer – Der Nachfolger

Patrick Donmoyer (2015)

Eine Würdigung

Man kann Wissenschaft betreiben, indem man viele Bücher liest und im Anschluss Funde vor dem Hintergrund dieser Bücher bewertet. Das sind die Theoretiker. Man kann Wissenschaft aber auch betreiben, indem man sich Menschen vernetzt und mit ihnen gemeinsam Dinge tut, die einen wissenschaftlich interessieren. Das sind die Praktiker.

Patrick Donmoyer gehört zur zweiten Art Wissenschaftler. Er ist Direktor des Pennsylvania German Cultural Heritage Centers der Kutztown University – aber gleichzeitig eben auch Vorstandsmitglied von Grundsau Lodge No. 1, Sänger beim Dolpehocken Saenger Chor, Moderator der „Deitsch Schtunn“ auf Berks County TV, Mitherausgeber von „Hiwwe wie Driwwe“, aktiver Teilnehmer bei Folk Festivals und so weiter und so weiter. Dinge verstehen lernen, indem man sie selbst tut – das ist Patricks Devise.

Patrick Donmoyer beim Kutztown Folk Festival 2017

Als Direktor des Heritage Centers obliegt ihm eine große Verantwortung. Er muss das Ohr an der Szene haben und gleichzeitig die Erfordernisse des akademischen Betriebs der Kutztown University erfüllen. Da prallen oft Interessen aufeinander. Aber mit seiner ausgleichenden, ruhigen Art hat er – jedenfalls soweit ich das aus der Ferne beurteilen kann – viele Diskussionen beenden und manches Feuer löschen können. Das ist eine Gabe!

Ich bin nicht mehr sicher, wann mir Patrick zum ersten Mal begegnet ist. Es müsste im Jahr 2007 gewesen, als ich Ed Quinters Dialektklassen in Kutztown besuchte – man kann dort „Pennsylvania German“ im Nebenfach studieren. Vermutlich saß Patrick da in einer der Reihen unter den Studierenden. Ein Foto aus dieser Zeit habe ich nicht gefunden. Etwa 2011 wurde er Assistent von Prof. Rob Reynolds, dem damaligen Chef des Heritage Centers. Nach dessen Weggang übernahm er 2013 die Leitungsfunktion. Seit diesem Zeitpunkt arbeiten wir beim Projekt „Hiwwe wie Driwwe“ eng zusammen, und seit 2021 ist er Mitherausgeber der Zeitung.

Patrick Donmoyer ist ziemlich genau 20 Jahre jünger als ich, und der Beginn unserer Zusammenarbeit im Jahr 2013 markiert für mich eine Zeitenwende. Während ich in den ersten 20 Jahren meiner Beschäftigung mit dem Pennsylvania-Deutschen seit 2013 immer viel von deutlich Älteren gelernt habe, sind es seit etwa diesem Zeitpunkt die Jüngeren, von denen ich lernen darf. Ich bin sehr froh, dass im Herbst 2024 eine Gruppe von etwa 20 in der Szene Aktiven zusammengekommen ist, um nach dem Ableben des Kutztown Folk Festivals über Möglichkeiten zu diskutieren, den Dialekt und die Kultur der Pennsylvania-Deutschen auch in Zukunft zu pflegen. Ich gehöre in diesem Kreis nun zu den Älteren, und ich bemühe mich, gut zuzuhören. Die Amerikanerinnen und Amerikaner, die hier zusammensitzen, werden entscheiden, wie es mit dem Pennsylvanisch-Deutschen in Berks County und drumherum weitergehen wird.

Drei, die sich gut verstehen: Patrick Donmoyer, Michael Werner und Douglas Madenford (2015)

„We have to walk, before we run”, war einer der Wahlsprüche von Prof. David Valuska, dem Vor-Vorgänger Patrick Donmoyers in der Funktion des Heritage-Center-Direktors. Nun ist Patrick sein würdiger Nachfolger. Gleichzeitig ist er aber auch der Nachfolger Prof. Don Yoders, der große Teile seines Nachlasses dem Heritage Center überlassen hat. Don war ein Menschenfreund, und er hat seine Bücher immer aus einer großen Nähe zu den Menschen heraus geschrieben. Bei den Leuten sein, ihnen zuhören und mit ihnen handeln und erst dann wissenschaftliche Ableitungen treffen – das war sein Ansatz. Wenn Don Yoder oder Patrick Donmoyer ein Buch geschrieben haben, haben sie zuvor ihr Thema über viele Jahre von innen heraus „gelebt“. Das ist im deutschen Wissenschaftsbetrieb oftmals anders. Projektbezogen wird drei bis fünf Jahre an einem Thema gearbeitet, dann ist das nächste dran. Die nachfolgende Finanzierung bestimmt, wo die Reise hingeht.

Ich bin sehr froh, dass Patrick Donmoyer heute der Direktor des Pennsylvania German Cultural Heritage Centers ist. Und ich freue mich darauf, weiter von ihm zu lernen.