Archiv der Kategorie: Der Pälzylvanier

Heidrun Werner – Die Lotsin

Nicht verwandt und nicht verschwägert: Heidrun Werner und Michael Werner im Auswanderermuseum (2025)

Eine Würdigung

Am 25. März 2025 ging im kleinen Oberalben bei Kusel in der Westpfalz eine Ära zu Ende: Heidrun Werner, langjährige Vorsitzende und gemeinsam mit ihrem 2015 verstorbenen Mann Ekkehard „Ekkel“ Werner und weiteren engagierten Menschen im Dorf Wegbereiterin des kleinen Auswanderungmuseums, hat nach über 30 Jahren den Vorstand verlassen. Wo es viel um Schiffe und die Überfahrt in die neue Welt geht, darf man sagen: Die Lotsin geht von Bord! Mit der neuen Vorsitzenden Sabrina Werner, dem 2. Vorsitzenden Sebastian Gilcher und einem großen Team jüngerer Mitstreiterinnen und Mitstreiter übernimmt jetzt eine neue Generation die Geschicke des Museums, das 1993 gegründet worden ist und eine Erfolgsgeschichte wurde.

Und es gibt viele Ideen: Neben den traditionsreichen Veranstaltungen Ostermarkt, Irish Folk, Jazz und dem pennsylvanischen Abend gibt es Kneipenabende, Whisky Tastings und vieles mehr. Das Museum ist oft gut gefüllt, und auch der Rubel rollt. Das ist wichtig, denn die alte westpfälzische Scheune ist im Unterhalt teuer. Da wird jeder Euro gebraucht.

1993-2023: 30 Jahre Auswanderermuseum wurden gebührend gefeiert

Heidrun Werner hat versprochen, sich nicht komplett zurückzuziehen, sondern gemeinsam mit den beiden Vorsitzenden eine Arbeitsgruppe einzuberufen, die die konzeptionelle Weiterentwicklung des Museums vorantreiben wird. Hier gibt es bereits viele Ideen: Neben der Nordamerika-Auswanderung könnte Brasilien als Zielland der Pfälzer verstärkt in den Blickpunkt genommen werden (2024 war das Jubiläumsjahr „200 Jahre Brasilien-Auswanderung“), die Südosteuropa-Auswanderung in die Batschka, ins Banat und nach Galizien ist unterrepräsentiert, und letztlich ist sicher zu überlegen, die Parallelen der historischen Wanderungsbewegungen mit aktuellen Migrationswellen des 21. Jahrhunderts aufzuzeigen. Dabei wird es vermutlich auch darum gehen, einen zeitgemäß modernen Zugang zum Thema zu schaffen, der über das Aufhängen von Infotafeln hinaus geht. Ich bin sicher, Heidrun wird sich hier mit Energie und Leidenschaft weiterhin einbringen.

Sie und Ihren Mann habe ich Ende der 1990er Jahre bei einem ersten Besuch kennengelernt. Wir haben Familie in Ulmet, das nur einen Katzensprung vom Museum entfernt ist. 2003 trat das Museum dem neu gegründeten „Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreis e.V.“ bei, und seitdem arbeiten wir intensiv zusammen. Der erste Deutsch-Pennsylvanische Tag wurde 2006 in Oberalben begangen. Seit 2008 bringt „Hiwwe wie Driwwe“ jedes Jahr im Oktober mit der „Hiwwe wie Driwwe Palatinate Tour“ einen Künstler bzw. eine Künstlerin aus Pennsylvania in die Pfalz, um Pfälzerinnen und Pfälzern an verschiedenen Orten die pennsylanisch-deutsche Kultur näherzubringen. Oberalben ist hier immer dabei, und so ist die Liste der Menschen lang, die schon im Auswanderermuseum gesungen oder gesprochen haben: John Schmid (2010, 2015, 2020, 2023), Don Breininger (2011), Keith Brintzenhoff (2012), Richard Miller (2013), Bill Meck (2014), Chris LaRose (2016), Mike & Linda Hertzog (2017), Patrick Donmoyer (2018), Benjamin Rader (2019), Erich Mace (2022), Doug Madenford (2017, 2022) und Scott Reagan (2024).

Nicht verwandt und nicht verschwägert: Heidrun Werner und die neue 1. Vorsitzende des Fördervereins Auswanderermuseum Oberalben, Sabrina Werner (2025)

Vielen Menschen im Ort ist, glaube ich, gar nicht bewusst, was für ein Juwel das Museum ist. Man muss sonst weit fahren, um sich in einer Ausstellung mit Auswanderung beschäftigen zu können: nach Hamburg ins Auswanderermuseum BallinStadt oder gleich ins Deutsche Auswandererhaus Bremerhaven. Das Auswanderermuseum Oberalben ist ein echter „Scheinriese“ wie Herr Tur Tur im 1960 erschienenen Buch „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ von Michael Ende. Je weiter man sich von Oberalben entfernt, um so größer wird das Museum aus Sicht der Menschen, die darauf schauen. In Pennsylvania jedenfalls ist es durch die Besuche der vielen Freunde und Künstler mittlerweile gut bekannt und eine der wichtigen Adressen, wenn man in der Pfalz unterwegs ist.

Dies alles wäre nicht möglich gewesen ohne den über 30 Jahre währenden Einsatz von Heidrun, die alle Besucherinnen und Besucher immer mit Kompetenz und Herzenswärme empfangen hat. Völlig verdient ist sie jetzt auch Ehrenmitglied des Museumsvereins. Ich bin ganz sicher, sie wird sich in verschiedenen Funktionen auch weiterhin engagiert in die Museumsarbeit einbringen. Dem neuen Vorstandsteam wünsche ich viel Spaß und alle Zeit ein volles Haus!

Prof. C. Richard Beam – Der Herr der Wörter

Der 90. Geburtstag – Dick Beam und Michael Werner am 15. Februar 2015 in Lancaster (PA)

Zum 100. Geburtstag von Dick Beam (1925-2018) am 15. Februar 2025

„Ei Bu, wu bleibscht du dann? Es Owetiems (Abendessen) iss reddi (fertig)!“ Das waren die ersten Worte, die ich aus dem Mund von Prof. C. Richard Beam (1925-2018) aus Millersville (PA) vernahm. Es war im Juli 1994, und ich besuchte Lancaster County zum ersten Mal. Ich kam aus Deutschland und konnte – müde und damals noch mit Landkarte und ohne Handy unterwegs – sein Haus nicht finden.

Ein Tankwart rief für mich an, und Herr Beam holte mich ab. In den darauffolgenden zwei Wochen arbeitete ich im Rahmen meines Promotionsstudiums in diversen Archiven und besuchte allein oder gemeinsam mit ihm Mundartsprecher und -schreiber, außerdem einige seiner Freunde, vor allem Amish und Mennoniten. Die Eindrücke dieser zwei Wochen waren so nachhaltig, dass mich der Landstrich und seine Menschen bis heute nicht mehr loslassen.

Dick Beam am „Center for Pennsylvania German Studies“ der Millersville University im Juli 1994

Professor Beam war ziemlich exakt 40 Jahre älter als ich und kannte durch seine Forschungen für das in Publikation befindliche pennsylvanisch-deutsche Wörterbuch unendlich viele Menschen – und fast jeder kannte ihn oder hatte schon von ihm gehört. Er war nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Zeitungskolumnist und Radiomoderator. Mit seinem Freund Ernest Bechtel, dem „Busch Gnippel“, verantwortete er viele Jahre die Sendung „Die Alde Kumraade“. „Der Ernie iss en groosser Gnippel aus em Busch, ich bin yuscht en gleener“, erklärte Beam einmal. Ernie war also der große Waldschrat, er nur ein kleiner. Damit war sein Spitzname gefunden: „Bischli Gnippli“.

Mit Ernie teilte Dick Beam die Kriegserfahrung. Gleich nach der High School 1943 war er eingezogen und nach der Grundausbildung nach England verlegt worden. Über den D-Day hat er in den 25 Jahren, die ich ihn kannte, nur ein einziges Mal berichtet. Er sagte, er habe Glück gehabt, erst in einer späten Welle nach Frankreich übersetzen zu müssen. Da sei der Strand längst in der Hand der Alliierten und ein Brückenkopf gebildet gewesen. Später nahm er an der „Battle of the Bulge“ teil, als die Deutschen in der Ardennenoffensive 1944/45 noch einmal versuchten, Terrain zurückzugewinnen. Die Brücke von Remagen hat er mit der US Army überquert, bevor sie einstürzte. Für ihn war es ein Überlebensvorteil, deutsch zu können: „Dass ich in der High School zwei Jahre Hochdeutsch hatte, qualifizierte mich für Übersetzungsaufgaben. Das hat mir vielleicht das Leben gerettet.“ Kurz vor seinem Tod hat er mir einmal gesagt: „Ich bin nach Deutschland gelaufen und wieder zurückgelaufen – musste keinen einzigen Schuss abgeben und niemand hat auf mich geschossen.“ Aber er hätte geschossen, auch daran ließ er keinen Zweifel. Und sein Blick auf den Krieg war differenziert: „Wir haben gegen Hitler und seine Kumpane gekämpft, nicht gegen die Deutschen insgesamt.“

Dick Beam liest in der Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“ (2017)

Das hat mich schwer beeindruckt, und aus heutiger Perspektive ist das ein Blick in eine lang vergangene Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, als aus Deutschland und Amerika Partner und schließlich Verbündete und Freunde wurden. Heute muss man sich an die für uns sehr wichtige deutsch-amerikanische Partnerschaft angesichts der US-Tagespolitik ja manchmal wehmütig erinnern. Dick Beam begleitete diesen Prozess der transatlantischen Annäherung, studierte in Marburg und Wien und kam mit seiner Frau Dorothy später für drei Jahre –1967 bis 1970 – nach Deutschland zurück, um in der Forschungsstelle des Deutschen Sprachatlasses mitzuarbeiten. Kurzum: Dick Beam, der im Januar 2018 im Alter von fast 93 Jahren verstorben ist, war ein Transatlantiker durch und durch. Konservativ, aber weltoffen und sich der besonderen globalen Verantwortung der USA immer bewusst.

Sein erstes Wörterbuchprojekt hieß „Abridged Pennsylvania German Dictionary“ – ein kleines Büchlein, das 1970 von der damaligen „Heimatstelle Pfalz“ (dem heutigen Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde) herausgegeben wurde. Die bereits erwähnte Radiosendung „Die Alde Kumraade“ startete 1971 und wurde auch nach Bechtels frühem Tod immerhin bis 2013 weitergeführt. Damit war sie über 42 Jahre wöchentlich „on air“. 1975 begann er seine Zeitungskolumne „Es Pennsilfaanisch Deitsch Eck“, die der bis kurz vor seinem Tod betreute. Sie wurde von verschiedenen Publikationen in Pennsylvania und Ohio abgedruckt. Als Beam 1986 die Position eines „full professor“ an der Millersville University erhielt, gründete er das „Center for Pennsylvania German Studies“. Für viele Jahre war es der Anlaufpunkt für alle, die sich für das Pennsylvania-Deutsche interessierten – und so auch für mich. In den folgenden über 30 Jahren entstanden mehr als 40 Bücher, darunter das zwölfbändige Wörterbuch „The Comprehensive Pennsylvania German Dictionary“.

Dick Beam in seinem „Faulenzerstuhl“ („Lazy Boy“), im Vordergrund eine Ausgabe von „Hiwwe wie Driwwe“ (2005)

Die Idee, mit „Hiwwe wie Driwwe“ eine kleine transatlantische Zeitung zu gründen, die die Nachfahren der im 18. Jahrhundert Ausgewanderten mit denen der damals im „alten Land“ Verbliebenen zusammenführen sollte, habe ich zuerst mit ihm diskutiert. Er hat das Projekt sehr befürwortet und über viele Jahre aktiv begleitet. Und so entstand aus einer Zusammenarbeit zwischen Doktorand und Professor ab 1993 eine Zeitung, ein Deutsch-Pennsylvanisches Archiv, ein Deutsch-Pennsylvanischer Arbeitskreis als Verein hier in Deutschland und manches mehr. Was immer begonnen wurde – er war der Mentor, der uns unterstützte. Und wir wurden Freunde.

Etwa 15 mal habe ich Pennsylvania in den letzten 30 Jahren persönlich besucht, und jedes Mal blieb ich einige Tage im Lancaster County. „Herr Beam“ blieb für mich dennoch immer „Herr Beam“, auch wenn er mir im Hochdeutschen mehrfach das „du“ angeboten hat. Ich fühlte mich immer gut damit und fand es angemessen.

Der Pälzylvanier

Obituary/Todesanzeige

Patrick Donmoyer – Der Nachfolger

Patrick Donmoyer (2015)

Eine Würdigung

Man kann Wissenschaft betreiben, indem man viele Bücher liest und im Anschluss Funde vor dem Hintergrund dieser Bücher bewertet. Das sind die Theoretiker. Man kann Wissenschaft aber auch betreiben, indem man sich Menschen vernetzt und mit ihnen gemeinsam Dinge tut, die einen wissenschaftlich interessieren. Das sind die Praktiker.

Patrick Donmoyer gehört zur zweiten Art Wissenschaftler. Er ist Direktor des Pennsylvania German Cultural Heritage Centers der Kutztown University – aber gleichzeitig eben auch Vorstandsmitglied von Grundsau Lodge No. 1, Sänger beim Dolpehocken Saenger Chor, Moderator der „Deitsch Schtunn“ auf Berks County TV, Mitherausgeber von „Hiwwe wie Driwwe“, aktiver Teilnehmer bei Folk Festivals und so weiter und so weiter. Dinge verstehen lernen, indem man sie selbst tut – das ist Patricks Devise.

Patrick Donmoyer beim Kutztown Folk Festival 2017

Als Direktor des Heritage Centers obliegt ihm eine große Verantwortung. Er muss das Ohr an der Szene haben und gleichzeitig die Erfordernisse des akademischen Betriebs der Kutztown University erfüllen. Da prallen oft Interessen aufeinander. Aber mit seiner ausgleichenden, ruhigen Art hat er – jedenfalls soweit ich das aus der Ferne beurteilen kann – viele Diskussionen beenden und manches Feuer löschen können. Das ist eine Gabe!

Ich bin nicht mehr sicher, wann mir Patrick zum ersten Mal begegnet ist. Es müsste im Jahr 2007 gewesen, als ich Ed Quinters Dialektklassen in Kutztown besuchte – man kann dort „Pennsylvania German“ im Nebenfach studieren. Vermutlich saß Patrick da in einer der Reihen unter den Studierenden. Ein Foto aus dieser Zeit habe ich nicht gefunden. Etwa 2011 wurde er Assistent von Prof. Rob Reynolds, dem damaligen Chef des Heritage Centers. Nach dessen Weggang übernahm er 2013 die Leitungsfunktion. Seit diesem Zeitpunkt arbeiten wir beim Projekt „Hiwwe wie Driwwe“ eng zusammen, und seit 2021 ist er Mitherausgeber der Zeitung.

Patrick Donmoyer ist ziemlich genau 20 Jahre jünger als ich, und der Beginn unserer Zusammenarbeit im Jahr 2013 markiert für mich eine Zeitenwende. Während ich in den ersten 20 Jahren meiner Beschäftigung mit dem Pennsylvania-Deutschen seit 2013 immer viel von deutlich Älteren gelernt habe, sind es seit etwa diesem Zeitpunkt die Jüngeren, von denen ich lernen darf. Ich bin sehr froh, dass im Herbst 2024 eine Gruppe von etwa 20 in der Szene Aktiven zusammengekommen ist, um nach dem Ableben des Kutztown Folk Festivals über Möglichkeiten zu diskutieren, den Dialekt und die Kultur der Pennsylvania-Deutschen auch in Zukunft zu pflegen. Ich gehöre in diesem Kreis nun zu den Älteren, und ich bemühe mich, gut zuzuhören. Die Amerikanerinnen und Amerikaner, die hier zusammensitzen, werden entscheiden, wie es mit dem Pennsylvanisch-Deutschen in Berks County und drumherum weitergehen wird.

Drei, die sich gut verstehen: Patrick Donmoyer, Michael Werner und Douglas Madenford (2015)

„We have to walk, before we run”, war einer der Wahlsprüche von Prof. David Valuska, dem Vor-Vorgänger Patrick Donmoyers in der Funktion des Heritage-Center-Direktors. Nun ist Patrick sein würdiger Nachfolger. Gleichzeitig ist er aber auch der Nachfolger Prof. Don Yoders, der große Teile seines Nachlasses dem Heritage Center überlassen hat. Don war ein Menschenfreund, und er hat seine Bücher immer aus einer großen Nähe zu den Menschen heraus geschrieben. Bei den Leuten sein, ihnen zuhören und mit ihnen handeln und erst dann wissenschaftliche Ableitungen treffen – das war sein Ansatz. Wenn Don Yoder oder Patrick Donmoyer ein Buch geschrieben haben, haben sie zuvor ihr Thema über viele Jahre von innen heraus „gelebt“. Das ist im deutschen Wissenschaftsbetrieb oftmals anders. Projektbezogen wird drei bis fünf Jahre an einem Thema gearbeitet, dann ist das nächste dran. Die nachfolgende Finanzierung bestimmt, wo die Reise hingeht.

Ich bin sehr froh, dass Patrick Donmoyer heute der Direktor des Pennsylvania German Cultural Heritage Centers ist. Und ich freue mich darauf, weiter von ihm zu lernen.

Herbert Tiefel – Der mit dem Murmeltier spricht

Herbert Tiefel, Hauptmann von Grundsau Lodsch No. 19 im alte Land (2020)

Eine Würdigung

Es gibt Menschen, die sind für eine bestimmte Rolle wie gemacht. Und wenn sie diese übernommen haben, ist es ein wenig, als könne nie wieder ein anderer diese Aufgabe übernehmen. Wir alle wissen, dass das letztlich nicht stimmt. Und dennoch treffen wir im Leben immer wieder auf Menschen, die mit einer Rolle mehr als nur verwachsen sind. So ist es mit Herbert Tiefel, der seit Ende 2019 „Hauptmann“ der „Grundsau Lodsch No. 19 im alte Land“ ist und damit der oberste Murmeltier-Versteher. Das ist wichtig, denn wer außer einem Murmeltier kann schon einen verlässlichen Wetterbericht für komplette sechs Wochen abgeben?

In der Pfalz heißt es: „Wenn der Dachs seinen Schatten an Maria Lichtmess sieht, bleibt der Winter noch sechs Wochen.“ Das Datum ist wichtig, denn der 2. Februar markiert exakt die Mitte der kalten Jahreszeit: Sechs Wochen sind vorbei, sechs weitere Wochen kommen (vielleicht) noch. Die Bauern prüften an diesem Tag früher, ob etwa die Hälfte der Vorräte noch in den Scheunen und Fruchtkammern war. Falls nicht, kauften sie nach. Zuvor gingen sie nach draußen und sahen nach, ob Maria Lichtmess sonnig und kalt oder aber trüb und regnerisch war. Im zweiten Fall bestand begründete Hoffnung, dass das Frühjahr schon bald kam. Zumindest traf das – vor dem Klimawandel – auf die Region im Südwesten Deutschlands zu. Mit Auswanderern gelangte das (vermeintliche) Wetterwissen über den Rhein und das Meer nach Pennsylvania – wo es keine Dachse gab. Es gab aber jede Menge Murmeltiere, die wie der Dachs ebenso Winterschlaf machten. Also nutzte man in der neuen Welt eine „Grundsau“ (von engl. „ground hog“), um eine Wetterprognose zu erhalten. Die Tiere wurden am betreffenden Termin aus dem Bau gezogen und peinlich befragt. Dies geschah in der Sprache „Groundhogese“ (Grundsauisch). Das bekannteste Murmeltier in Pennsylvania ist „Punxsatawny Phil“ in Zentral-Pennsylvania, aber ab Mitte der 1930er Jahre gründeten sich im pennsylvanisch-deutschen Kerngebiet im Südosten des Staates 18 Groundhog Lodges, die den Brauch in pennsylvanisch-deutscher Mundart auch heute noch pflegen. Groundhog Lodsch No. 19 hat ihren Sitz in Bockenheim an der Weinstraße, und ihr Hauptmann ist Herbert Tiefel!

New Paltz Band mit Herbert Tiefel (2019)

Als ich Herbert im Sommer 2019 in Kutztown kennenlernte, freundeten wir uns schnell an. Er zeigte großes Interesse an der pennsylvanisch-deutschen Kultur und wollte tiefer in Sitten und Gebräuche eintauchen. Ich fragte ihn am Rande des Folk Festivals, ob er eigentlich einen Frack und einen Zylinder besitzt. Er bejahte beides, und so entstand die Idee für die Gründung einer ersten Grundsau Lodsch in Deutschland – eben in der Pfalz.

Zum Glück stieß die Idee in Bockenheim auf reges Interesse, und so konnten wir am 2. Februar 2020 erstmals einen „Murmeltiertag“ in der Pfalz feiern. Rund 200 Menschen kamen, um die Veranstaltung zu sehen, die komplett in Pennsylvanisch-Deutsch gehalten war. Die musikalische Gestaltung übernahm die „New Paltz Band“. Zwischenzeitlich ist der Event immer pfälzischer geworden und hat seine eigenen kleinen Rituale entwickelt. So wohnt das (Plüsch-)Murmeltier „Bockrem Bert“ seit einiger Zeit in einem Weinfass im Park hinter dem Haus der Deutschen Weinstraße. Dort wird es feierlich zum Murmeltiertag („Grundsaudaag“) geweckt. Nach einem Rückblick von Bürgermeister und Ortshonoratioren auf das vergangene Jahr in Bockenheim und der Pfalz befragt Herbert Tiefel das „Murmel-Plüschi“ und übersetzt die Prognose im Anschluss für die Zuschauer vor Ort. In manchen Jahren schließt sich eine Festveranstaltung in der Emichsburg an – im Jahr 2025 bleibt es bei der Zusammenkunft im Park. Das Medieninteresse ist jährlich gewachsen, und so hoffen wir alle, dass der Bockenheimer Murmeltiertag weiterhin eine Konstante im kulturellen Leben der Gemeinde bleibt.

Herbert Tiefel jedenfalls ist in der Rolle seines Lebens, wenn er feierlich die Wetterprognose für die nachfolgenden sechs Wochen abgibt. Hoffentlich bleibt er noch lange Grundsau-Hauptmann, denn auch die „echten“ pfälzischen Murmeltiere, die im Wildpark Silz in der Südpfalz leben und regelmäßig besucht werden, haben sich zwischenzeitlich sehr an ihn gewöhnt.

Videotipp: Grundsaudaag in Bockenheim 2020

Sam Stoltzfus – Der Amish Botschafter

Ein „Amish Buggy“ im Lancaster County

Eine Würdigung

Wenn ich von Sam Stoltzfus (geboren 1943) erzähle, berichte ich gleichzeitig auch von etwa einem Dutzend Amish, zu denen ich in den vergangenen 30 Jahren eine engere Beziehung aufgebaut habe. Ich war in den Gottesdiensten willkommen und habe Werk- wie Sonntage mit ihnen und ihren Familien verbracht. Wenn es zeitlich passte, bin ich mit zu ihren Zusammenkünften gegangen und habe auch ihren Austausch mit den Old Order Mennoniten aufmerksam verfolgt. Zwischen beiden Gruppen gibt es viele Ähnlichkeiten, aber auch ein paar wesentliche Unterschiede. Fotos von Menschen im Portrait gibt es in diesem Artikel nicht, denn Amish lassen sich – bis auf wenige Ausnahmen – nicht gerne bewusst fotografieren.

Ich habe gelernt, dass es bei Amish ebenso viel Liebe und Leid gibt wie in jeder anderen gesellschaftlichen Gruppe auch. Es gibt Gesunde wie Kranke – und viel Ehrlichkeit und Humor. Aber es ist bestimmt keine heile Welt, und wer sich für Landwirtschaft nach Bio-Standards interessiert, sollte woanders suchen.

Für mich standen die Amish ganz am Anfang meines Interesses am Pennsylvania Dutch Country. Ich hatte mich während meines Linguistik-Studiums in Mannheim gefragt, ob es mir durch meinen eigenen pfälzischen Dialekt möglich sein würde, Zutritt zu dieser verschlossenen Gruppe zu erhalten.

Heu-Auktion in New Holland (PA) im Jahr 2015

Es funktionierte. Vermittelt durch die Kontakte meines Freundes Dick Beam besuchte ich bereits im Sommer 1994 die Bauerei von Sam Stoltzfus und seiner Familie in Gordonville im Lancaster County. Wir verstanden uns prächtig. Ich begleitete ihn zu den Versammlungen der Pequea Bruderschaft Library, ging mit ihm zum gemeinsamen Singen von Amish und Mennoniten und besuchte natürlich die Amish „Gmee“, wann immer es möglich war. Bis zu drei Stunden dauern die Gottesdienste, und man lernt viel für’s Leben: Über Gemeinschaft, Rücksichtsnahme und Toleranz (vor allem gegenüber Kindern), aber auch, was strenge Regeln mit einer Gruppe und Individuen auch im negativen Sinne machen können. Mein Fazit ist sehr ambivalent.

Und da es sich bei den Amish letztlich um eine Gesellschaft handelt, deren Wurzeln in der Schweiz liegen, freute ich mich immer, nach einigen Tagen im Lancaster County ins nördlich gelegene Berks County zu wechseln, wo die Nachfahren der alten pfälzer Bauern leben. Hier fühle ich mich zu Hause!

Wohl gefühlt habe ich mich aber auch in den Wohnzimmern von Sam Stoltzfus, Gid Fisher, Ben Riehl und den vielen anderen Amish, die mir die Türen öffneten und meine vielen Fragen gerne beantworteten.

Amish Farm im Lancaster County (2015)

Sam war in all den Jahren meine Konstante. Niemals versäumte ich es, bei meinen Besuchen in Pennsylvania bei Sam vorbeizusehen. Oft blieb es beim kurzen „Bsuche“ – einem Gespräch auf der Porch – manchmal blieb ich zum Essen. Sam war immer geschichts- und sprachinteressiert. Deshalb gingen uns die Themen nicht aus. Er war regelmäßiger Schreiber für meine Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“. Seine Texte stellten mich immer vor Herausforderungen, denn seine Schreibweise der pennsylvanisch-deutschen Mundart war sehr besonders. Aber die Geschichten waren es auch. Einmal berichtete er von einem Fallschirmsprung, den er als Teenager mit Freunden vom Dach einer Scheune gemacht hatte. Alles ging glimpflich aus. Wenn man gleichzeitig gläubiger Christ und ein offener Freigeist ist, kann man im Laufe seines Lebens immer wieder einmal in Diskussionen mit den jeweiligen Gemeindeoberen kommen. Sam hat das alles gemeistert und ist Oberhaupt einer wunderbaren großen Familie.

Erst seit ich meinen Hauptfokus auf Berks County gelegt habe, ist unser Kontakt etwas spärlicher geworden. So habe ich seinen 80. Geburtstag im Jahr 2023 verpasst. Deshalb werfe ich meinen „deitschen Schtrohut“ heute nachträglich in die Höhe und rufe Sam aus der Ferne: „Alles Bescht zu dir, bis mer uns widder sehne!“

Prof. Don Yoder – Die Legende

Prof. Don Yoder (1921-2015) mit Michael Werner im Jahr 2007

Eine Würdigung

Manchmal braucht man lange, um zu bemerken, wie wichtig die Bekanntschaft einer Person für einen selbst gewesen ist. Man nimmt die Begegnungen, wie sie kommen – und entdeckt erst viele Jahre später, welch entscheidende Schalter im Rahmen dieses Austauschs umgelegt wurden. So ging es mir mit Prof. Don Yoder (1921-2015), der in vielerlei Hinsicht ein „Jahrhundertmann“ und eine Legende war.

Don Yoder hatte ich mit Rolands Pauls (1951-2023) Hilfe zweimal in einer Bibliothek getroffen, aber da der Kontakt aufgrund des gemeinsamen Interessensgebietes der pfälzisch-amerikanischen Nordamerikaauswanderung nun immer enger wurde, legte Roland mir einen längeren Besuch in Don Yoders Landhaus in Devon (PA) nahe. Ich wusste, dass Roland bei seinen längeren Pennsylvania-Aufenthalten immer in der kolonialen Villa von Don Yoder wohnte – und Don war bereit, mich auch privat zu empfangen, so dass ich in den Jahren zwischen 2000 und 2015 immer einmal wieder für mehrere Stunden Gelegenheit hatte, mich mit einem der Väter der pennsylvanisch-deutschen Volkskunde auszutauschen. Immerhin war Don Yoder einer der Gründer des Kutztown Folk Festivals im Jahr 1951 – diese traditionsreiche Veranstaltung fand 2024 leider zum letzten Mal statt.

Mit Don sprach ich über Geschichten, die ich im Rahmen meiner linguistischen Studien auf Band aufgenommen hatte, und die mir zum Teil als Pfälzer eigenartig vertraut vorkamen. Bei anderen stand ich völlig im Wald und konnte mir auf nichts einen Reim machen: Da sprach eine Frau von einem „Bucklich Maennli“, das bei ihr neben dem Herd in einer unaufgeräumten Ecke der Küche wohnte. Ein Mann berichtete von einer Vogelscheuche auf dem Feld, die er „Butzemann“ nannte und die Opfergaben erhielt. Ein anderer machte alljährlich im März eine Prozession um sein Grundstück herum, sagte eigenartige Sprüche und legte in allen Ecken Samen als  Geschenke für Elfen ab und Teile eines Fisches für Katzen, die einer Gottheit mit Namen „Freya“ gehörten. Es waren ganz seltsame Geschichten, die irgendwie nicht und irgendwie doch zusammenpassten.

Verleihung der Ehrenmitgliedschaft des Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreises e.V. an Prof. Don Yoder in Alzey im Jahr 2009 (v.l. Dr. Michael Werner, Karl Scherer, Prof. Don Yoder, Frank Kessler)

Die Menschen in Pennsylvania hatten mir über Jahre diese Geschichten erzählt, und weil ich mich zu dieser Zeit vorwiegend mit sprachlichen Phänomenen beschäftigte, hatte ich die Inhalte ihrer Erzählungen zunächst nicht wirklich an mich herangelassen. Die einzelnen Phänomene blieben einfach unverbunden und unverknüpft in einer Hinterstube meines Hirns. Bis zu einem besonderen Tag: Da fand ich in einem Kochbuch das Rezept für Hirschgeweihkekse („antler cookies“), die im Februar gebacken werden, um sie im Wald als Opfergabe für den „Waldmops“ abzulegen.

Ich sprach seinerzeit mit jemandem, der diesen Brauch noch kannte. Auf einmal merkte ich, dass diese Geschichte ein „missing link“ sein könnte – das letzte „Puzzle-Teil“. Von diesem kulturellen Muster aus geschaut fügten sich die anderen Geschichten jetzt auf einmal wundersam zusammen und ergaben ein stimmiges Bild. Und wenn ich darauf schaute, fanden jetzt auf einmal auch die Elwedritsche ihren eindeutigen Platz. Konnte es sein, dass sich mir in Pennsylvania eine Tür geöffnet hatte, um über die kulturellen Praktiken der Pennsylvania-Deutschen einen Blick auf die Pfalz und die Pfälzer im 18. Jahrhundert zu erhalten?

Heute kann ich sagen, dass das genau so ist. Don Yoder, mit dem ich lange hierüber sprach, stimmte mir jedenfalls zu. Ich gehe deshalb einen Schritt weiter und sage, man kann die Pfalz vielleicht überhaupt nur verstehen, wenn man die für die Pfalz relevanten Auswanderungsgesellschaften besucht und von ihnen lernt, wie unsere Vorfahren vor 300 Jahren gelebt und gedacht haben. Auf einmal wird es dann möglich zu erkennen, was wir von der Pfalz aus nicht sehen. Um bei den Elwedritsche zu bleiben – eines sind letztere ganz sicher nicht: Fabeltiere.

Don Yoder „atmete“ die pennsylvanisch-deutsche Kultur, und er hat mich gelehrt, kulturelle Muster nicht mit meinen eigenen Augen anzuschauen, sondern mit den Augen derjenigen, die sie praktizieren. Auch in diesem Punkt habe ich lange gebraucht zu verstehen, was er meint. Aber irgendwann ist mir klar geworden, dass wir in der Pfalz auch deshalb nicht verstehen, was zum Beispiel Elwedritsche sind, weil wir nicht bereit sind, unsere Perspektive als aufgeklärte Menschen des 21. Jahrhunderts aufzugeben und uns in die Perspektive der Menschen zu begeben, die vor vielen hundert Jahren in unserer Region lebten.

Ein Tritschologe aus der Pfalz (nicht aus Landau!) hat mir in einem Gespräch einmal gesagt, er könne ein Buch über Elwedritsche in zwei Wochen schreiben, wenn es sein müsse. Ich habe ihn zu dieser Fähigkeit beglückwünscht. Ich habe 30 Jahre gebraucht, um die Zusammenhänge zu sehen. Don Yoder wäre sicherlich ebenfalls sehr beeindruckt gewesen. Seine Buchprojekte nahmen üblicherweise auch einen langen Zeitraum in Anspruch. Man konnte bei der Lektüre seiner Publikationen aber immer sicher sein, neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Richard Savidge – Lehrer, Sportler, Mundartautor

Richard Savidge (1937-2024) im Jahr 2019 in Kutzeschtettel

Ein Nachruf

„Satch“, wie ihn alle Welt nannte, traf ich immer wieder. Er kam aus Hegins (PA) und damit aus einer Ecke des Pennsylvania Dutch Country, wo man nur hinkommt, wenn man bewusst hinkommen will. Der Mundartautor Bill Klouser (1922-2010) kam aus der selben Region, die ich sehr mag, auch wenn andere die Menschen dort als „Hinnerbariyer“ oder die Gegend selbst als „hinterland“ bezeichnen.

Richard Savidge (1937-2024) war Lehrer an der Tri-Valley Highschool gewesen und hatte dort Biologie und Sport unterrichtet. Wenn es hektisch wurde, wechselte er auch in der Schule schon einmal vom Englischen ins Pennsylvanisch-Deutsche.

Ich kannte ihn seit 2010. 2006 hatten der Deutschlehrer Bill Quinter und Prof. Bill Donner von der Kutztown University beim Kutztown Folk Festival ein „Mudderschprooch Schreiwer Fescht“ gegründet, und „Satch“ nahm bei dieser Lesung eigentlich jedes Jahr mit einem eigenen Text teil. Die Fahrt nach Kutztown dauert nur eine Stunde, aber die Gegenden unterscheiden sich deutlich.

Seit 2011 vergibt unsere Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“ in Kooperation mit dem Förderkreis Mundart Bockenheim e.V. einen „Hiwwe wie Driwwe Award“ unter den Teilnehmern dieser Veranstaltung. Gleich die erste Auszeichnung erhielt Richard Savidge für seinen Text „Es iss Winder im Daal“. Es hat ihm viel bedeutet.

Irgendwann überreichte er mir eine komplette Sammlung seiner Texte, und ich versprach ihm, sie in mein Deutsch-Pennsylvanisches Archiv aufzunehmen, das seit 2016 im Mennonitischen Forschungszentrum auf dem Weierhof bei Kirchheimbolanden untergebracht ist. Er war selig, dass Arbeiten von ihm in Deutschland öffentlich zugänglich sein würden.

„Des iss ganz wunnerbaar“, hat er geantwortet. „Ganz wunnerbaar.“ Jetzt ist er im Alter von 87 Jahren verstorben.