Von Michael Werner
Abstract
Die Erforschung regionaler Sagengestalten bewegt sich traditionell im Spannungsfeld zwischen volkskundlicher Quellenarbeit und folkloristischer Popularisierung. Am Beispiel der Elwedritsch möchte ich zeigen, dass dieses Paradigma an seine Grenzen stößt.
1. Einleitung: Die Elwedritsch als methodisches Problem
Die Elwedritsch gilt in der deutschsprachigen Volkskunde überwiegend als humoristisch gebrochene Sagengestalt der Pfalz. Ihre wissenschaftliche Behandlung folgt meist einem deskriptiven Ansatz: Sammlung schriftlicher Belege, Typologisierung von Varianten, historische Einordnung. Dieses Vorgehen hat zur Stabilisierung des Motivs beigetragen, zugleich aber zu seiner inhaltlichen Entschärfung. Genau hier möchte ich ansetzen. Ich verstehe die Elwedritsch nicht primär als Textphänomen, sondern als kulturelles Strukturmotiv (kulturelles Muster, Mem), das sich in Handlungen, Ritualen, Affekten und sozialen Praktiken manifestiert. Damit verschiebt sich die Fragestellung grundlegend: von der Dokumentation überlieferter Aussagen hin zur Analyse kultureller Wirksamkeit. Es geht nicht mehr vordergründig um die Frage, was eine Elwedritsch ist (das auch!), sondern darum, welches Problem ihre Existenz für die Menschen löst.
2. Kritik am Primat schriftlicher volkskundlicher Quellen
Ich stelle die privilegierte Stellung schriftlicher volkskundlicher Quellen in Frage, und zwar mit dem Argument, dass diese Quellen fast ausnahmslos Spätprodukte darstellen: Sie entstehen in einem Kontext, in dem das Motiv bereits rationalisiert, ironisiert oder pädagogisch gerahmt wurde. Schriftliche Quellen sind nicht neutral, sondern Ergebnis selektiver Wahrnehmung, normativer Deutung und sozialer Selbstzensur. Gerade bei unheimlichen, ambivalenten oder angstbesetzten Motiven zeigen sie systematische Leerstellen. Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass das wissenschaftliche Gewicht solcher Quellen in keinem Verhältnis zu ihrem tatsächlichen Erkenntniswert steht, wenn sie nicht gegen andere Evidenzformen gespiegelt werden.
3. Kulturelle Muster als primäre Erkenntnisebene
Statt einzelner Texte möchte ich kulturelle Muster (sogenannte „Meme“) in den Fokus rücken: wiederkehrende Strukturmerkmale, die unabhängig von konkreten Erzählungen auftreten. Dazu zählen unter anderem: die Verortung des Wesens in Übergangszonen (Nacht, Wald, Randbereiche); körperliche oder funktionale Asymmetrien; Bannrituale und Bannsymbole (Bannsprüche, Pentagramme, Hexafoils) ritualisierte Jagd- und Lockhandlungen; Strategien der Lächerlichmachung als soziale Abwehrform.
Diese Muster sind weder lokal noch zeitlich strikt begrenzt. Ihre Persistenz verweist auf tieferliegende kulturelle Funktionen, etwa die Aushandlung von Angst, sozialer Grenzziehung oder kollektiver Selbstvergewisserung. Damit möchte ich zeigen, dass die Elwedritsch weniger als isoliertes Regionalwesen denn als regionale Ausprägung eines übergeordneten mythologischen Strukturfeldes zu verstehen ist, das ganz Europa umfasst, in pfälzischen Auswanderergesellschaften in Pennsylvania und im Banat greifbar ist und seine Wurzeln im fruchtbaren Halbmond hat.
4. Interdisziplinarität als methodische Notwendigkeit
Der von mir vertretene Ansatz verbindet medizinische Hirn- und Schlafforschung, Volkskunde, Linguistik, Kulturgeschichte, Symboltheorie, Religionswissenschaft und tiefenpsychologische Deutungsmodelle. Diese Interdisziplinarität ist kein eklektischer Zusatz, sondern ergibt sich aus dem Gegenstand selbst. Mythische Figuren operieren nicht in einem singulären Medium, sondern gleichzeitig auf narrativer, performativer, affektiver und sozialer Ebene. In diesem Punkt folgt mein Ansatz der in den Kulturwissenschaften seit den 1990er-Jahren etablierten Abkehr vom Quellenpositivismus zugunsten einer funktions- und wirkungsorientierten Analyse. Mythen werden nicht mehr primär als zu erklärende Texte, sondern als kulturelle Werkzeuge verstanden.
5. Erweiterung des volkskundlichen Ansatzes statt Paradigmenbruch
Dabei ist mein Ansatz ist nicht revolutionär im Sinne eines vollständigen Paradigmenbruchs. Er ersetzt die Volkskunde nicht und negiert ihre Quellenarbeit nicht! Drei Aspekte aber beschreiben meine Vorgehensweise:
Methodische Rejustierung: Ich verschiebe den Erkenntnisschwerpunkt von der Textsammlung zur Struktur- und Funktionsanalyse.
Theoretische Anschlussfähigkeit: Mein Ansatz integriert regionale Forschung in internationale kulturwissenschaftliche Diskurse und psychologische Theorien (HADD-CCT-BVT Modell).
Enttrivialisierung des Gegenstands: Die Elwedritsch wird nicht länger als folkloristisches Kuriosum behandelt, sondern als ernstzunehmendes kulturelles Symbol.
Gerade für die Erforschung regionaler Mythen im 21. Jahrhundert möchte ich damit ein Modell liefern, das über den Einzelfall hinaus anwendbar ist.






















































