Der psychologisch-memetische Ansatz zum Ursprung der Elwedritsche

Von Michael Werner

Ausgangspunkt: Schlafparalyse

Am Beginn steht ein universelles menschliches Erlebnis: die Schlafparalyse als Zustand zwischen Schlaf und Wachsein, in dem der Geist schon wach, der Körper aber gelähmt ist und eine bedrohliche Präsenz erlebt wird. Dieses neurophysiologische Phänomen wird als nächtlicher Dämon gedeutet, der sich „auf die Brust setzt“ und Atemnot, Druckgefühl und Todesangst verursacht.​​

Der erste Schritt: HADD (Hyperactive Agency Detection Device) / Die Erzeugung eines Akteurs

Der psychologisch-memetische Ansatz greift hier den in der Kognitionspsychologie diskutierten Mechanismus der „Hyperactive Agency Detection“ (HADD) auf: In unklaren, angstbesetzten Situationen konstruiert das Gehirn reflexhaft handelnde Akteure. Aus einem diffusen Präsenzgefühl wird so ein personalisiertes Wesen – zunächst als nächtlicher Druckdämon, der das Schlafparalyse-Erlebnis erklärt. Erstmals greifbar werden Phänomene dieser Art nach Erfindung der Schrift im antiken Mesopotamien. In der Geschichte hat dieser Dämon in den verschiedenen Kulturen unterschiedliche Namen und voneinander abweichende Ausprägungen. Als nächtlicher weiblicher Schadensagent bleibt er aber​​ immer erkennbar. Im deutschen Sprachraum erscheinen in der germanischen Mythologie „Alben“ und im späteren christlichen Kontext „Druden“, die beide über die Zeit im Begriff „Albdrude“ verschmelzen.

Der zweite Schritt: CCT (Compensatory Control Theory) / Die Entwicklung von Abwehrmaßnahmen

CCT geht davon aus, dass Menschen schwer ertragen, wenn die Welt chaotisch und unkontrollierbar wirkt; sie suchen dann nach Strukturen und Mustern, die Ordnung versprechen.​ Im Fall des durch Schlafparalyse entstandenen nächtlichen Druckdämons (z.B. Mahr, Alb, Drude, Albdrude) werden Symbole (Pentagramme, Hexafoils) und Bannrituale (Braucherei-Sprüche wie der Trotterkopf-Spruch bzw. Messerrituale) entwickelt, die den Eindringling abwehren sollen.

Der dritte Schritt: BVT (Benign Violation Theory) / Kulturelle Zähmung des Dämons

Über lange Zeiträume wird diese bedrohliche Figur kulturgeschichtlich „gezähmt“: Mit der Aufklärung verlieren Dämonen erklärende Kraft, die Gestalt wird abgeschwächt und verniedlicht. Das entstandene kulturelle Wesen wird in einen Raum fern ab der Menschen verbannt (hier: in den Wald). Die BVT vertritt die These, dass Humor das entscheidende Werkzeug ist, um Angst zu verarbeiten. In diesem Prozess wird aus privatem Terror in der Schlafstube ein gemeinschaftliches Ritual: Die Elwedritsche-Jagd. Aus dem Opfer (dem Mensch) ist jetzt ein Jäger geworden, aus dem früheren Dämon eine Jagdbeute. Das bedeutet, es findet eine Machtumkehr statt. Die BVT argumentiert, dass sich in diesem Prozess die Version durchsetzt, in der einerseits der frühere gefährliche Kontext noch erahnbar ist, das gemeinschaftliche Ritual sich jedoch eindeutig harmlos präsentiert. Dies ist bei der Elwedritsche-Jagd der Fall – es ist die perfekte Verbindung von Geheimnisvollem und Spaß.

Historische Belege und Entwicklungspfad

Die These ist erklärend (explanativ), indem sie einen Entwicklungspfad vom subjektiven Erleben über die Dämonenvorstellung bis zur Elwedritsche nachzeichnet. Belege aus Auswanderertraditionen (etwa Banat und Pennsylvania) zeigen, dass ältere, bedrohliche Varianten der Gestalt existierten, bevor sich in der Pfalz das heutige, eher niedliche Bild mit Scherzjagden durchsetzte.​

Memetik: Warum die moderne Version der Elwedritsche bzw. der Elwedritsche-Jagd überlebt

Memetisch wird die Elwedritsche als „kultureller Überlebensprofi“ beschrieben: Sie ist einprägsam, emotional aufgeladen und eng an soziale Rituale (Jagd, Geschichten, Lokalkolorit) gebunden. Deshalb überlebt dieses kulturelle Muster („Mem“) durch Weitergabe über viele Generationen. Dabei verändert es sich immer wieder, ohne seinen inhaltlichen Kern gänzlich zu verlieren. Humor spielt dabei weiter die Schlüsselrolle – die ursprüngliche Angst wird in gemeinschaftliches Lachen transformiert, was die Weitergabe des Mems über Generationen hinweg besonders effektiv macht.

Gesamtlinie der Argumentation

Die wichtigste Argumentationslinie lautet damit: Ein universelles neuropsychologisches Angstphänomen (Schlafparalyse) wird durch Agentendetektion zu einem Dämon, der über Jahrhunderte kulturell entschärft wird und schließlich als Elwedritsche in einer humorvollen, regionalen Form weiterlebt. Die moderne Figur der Elwedritsche ist nach dieser These das memetische Endprodukt eines langen Prozesses der Angstbewältigung, in dem sich eine Gesellschaft ihre Nachtängste in ein identitätsstiftendes, spielerisches Fabelwesen verwandelt.

Der Prozess folgt einer memetischen Kette: Existenzangst → Kontrollverlust → Agentifizierung (Externalisierung) → Ritualisierung (Abwehrmaßnahmen) → Humorvolle Harmlosigkeit (Soziale Reintegration). Das macht die Elwedritsche anpassungsfähig: Von bedrohlichem Dämon zu folkloristischem Symbol, das heute in Tourismus (z. B. Elwedritsche-Brunnen), Pseudowissenschaft („Tritschologie“) und Witzen lebt.

Der Gegenbeweis: Der pennsylvanische Groundhog Day / Anderes Beispiel, gleiches Muster

Auch der pennsylvanisch-deutsche Groundhog Day lässt sich mit dem psychologisch-memetischen Ansatz erklären: Aus einer alten pfälzischen Bauernregel entstand durch memetische Prozesse im 19. Jahrhundert in Pennsylvania ein der Elwedritsche-Jagd vergleichbares Ritual: Groundhog Day. Am 2. Februar wird ein Murmeltier aus dem Bau gezogen und befragt: Sieht es seinen Schatten, bleibt der Winter noch sechs Wochen – sieht es seinen Schatten nicht, kommt das Frühjahr bald. Heute ist das Ritual in Volksfeste und humoristische Festbankette eingebunden. Ausgangspunkt ist die Urangst der bäuerlichen Gesellschaft vor einem langen Winter und Hunger (Auslöser). Die HADD erzeugt einen Agenten (Murmeltier als Wetterorakel). Aufgrund der CCT erzeugt die Gesellschaft Rituale (Befragung des Murmeltiers), und im Laufe der Zeit werden mit von der BVT beschriebenen Prozessen kulturelle Praktiken entwickeln, die das ernste Problem humoristisch verpacken. Auch hier wird mit Lachen Angst verarbeitet. Das bedeutet: Elwedritsche-Jagd und Groundhog Day sind strukturell vergleichbare kulturelle Muster, die sich mit dem gleichen theoretischen Modell beschreiben lassen: dem psychologisch-memetischen Ansatz.

Das ist in aller Kürze die „psychologisch-memetische These“ zur Erklärung, was hinter Elwedritschen wirklich steckt. Der Ansatz wurde zwischen 2020 und 2025 entwickelt und ist Grundlage des Buches „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“ (2025).

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