Der Wandel von der Albdrude zur Elwedritsch: Eine interdisziplinäre Analyse aus psychologischer, kulturhistorischer und linguistischer Perspektive

Quelle: pfalz-shop.de

1. Einleitung

Der Übergang von der bedrohlichen Albdrude, einer traditionellen nächtlichen Druckgestalt des germanischen Volksglaubens, hin zur possierlichen Elwedritsch, einem scherzhaften pfälzischen Fabelwesen, das heute sogar „gejagt“ werden kann, stellt ein bemerkenswertes Beispiel kultureller Bedeutungsverschiebung dar. Diese Entwicklung umfasst psychologische, sprachgeschichtliche und kulturhistorische Transformationsprozesse und dokumentiert exemplarisch, wie vormals angstbesetzte Wesen in harmlose oder humorvolle Figuren überführt werden.

Ziel dieses Artikels ist es, den Wandel umfassend zu analysieren und die zugrunde liegenden Mechanismen mithilfe moderner psychologischer Theorien (v. a. Benign Violation, kognitives Reframing, symbolische Kontrolle) sowie linguistischer und volkskundlicher Erkenntnisse darzustellen. Eine besondere Rolle spielt dabei die dokumentierte Vielfalt historischer Varianten des Namens und die damit verbundenen semantischen Übergänge, wie sie unter anderem auf elwedritsch.de gesammelt sind.

2. Mythologischer und kulturhistorischer Hintergrund der Albdrude

Die Albdrude, zusammengesetzt aus Alb/Alp und Drude, erscheint im frühmittelalterlichen und hochmittelalterlichen Volksglauben als nächtliches Druckwesen. Sie repräsentiert die personifizierte Angst vor Schlafstörungen, Atemnot und nächtlichem Terror. Die Figur ist eng verwandt mit dem Alp oder der Mahr, deren Existenz bereits in althochdeutschen Texten belegt ist.

Die Funktion dieser Wesen liegt in der Externalisierung psychischer Belastungen. Im vorwissenschaftlichen Erklärungsmodell wurden körperliche Phänomene wie Schlafparalyse, Atemnot oder Albträume durch personifizierte Geister erklärt. Die Albdrude fungierte somit als kultureller Container für individuelle wie kollektive Ängste.

3. Psychologische Theorien: Externalisierung, Projektion und Dämonisierung

3.1 Externalisierung und kollektive Projektion

Die Albdrude steht im Zusammenhang psychoanalytisch beschreibbarer Abwehrmechanismen, insbesondere Projektion und Externalisierung. Bedrohliche innere Erlebnisse werden einer externen, dämonischen Figur zugeschrieben. Dies stabilisiert das Selbstbild und ermöglicht kulturelle Kontrolle über das Unbeherrschbare.

3.2 Scapegoat-Mechanismen und Othering

Die Albdrude ist auch ein Beispiel für „Othering“: Das Bedrohliche wird personalisiert und nach außen verschoben. Es entsteht ein klares Gegenüber zwischen der Gemeinschaft und der dämonischen Figur.

3.3 Die Voraussetzung für spätere Entdämonisierung

Diese Mechanismen schaffen eine psychologische Grundlage, die eine spätere Transformation durch Verkleinerung, Humorisierung und Verbannung erst ermöglicht. Die Albdrude ist stabil genug, um abgeschwächt zu werden.

4. Der psychologische Umbruch: Vom Druckdämon zum humorvollen Fabelwesen

4.1 Benign Violation Theory

Die „Benign Violation Theory“ (McGraw & Warren, 2010) erklärt, wie eine Bedrohung entschärft wird, indem sie verletzt („violation“) bleibt, aber als harmlos („benign“) erscheint. Genau dies geschieht im Wandel Albdrude → Elwedritsch.

4.2 Kognitives Reframing

Ein bedeutsamer psychologischer Prozess ist die Umdeutung: Die nächtliche Schreckgestalt wird in ein kleines, harmloses Tier verwandelt. Dadurch wird die Angst, die ursprünglich mit der Albdrude assoziiert war, neutralisiert.

4.3 Miniaturisierung und Humor als Bewältigung

Die Verkleinerung spielt eine zentrale Rolle: Je kleiner die Figur, desto geringer ihre symbolische Macht. Humor verstärkt diese Entmachtung zusätzlich.

4.4 Symbolische räumliche Verbannung

Ein weiterer Schritt ist die topografische Verschiebung: Die Albdrude wirkt im Schlafzimmer; die Elwedritsch lebt im Wald. Die räumliche Distanz wirkt psychologisch entlastend und kulturell kontrollierend.

5. Linguistische Transformationen als Motor des Bedeutungswandels

Die Bedeutungsverschiebung vollzog sich nicht nur psychologisch-kulturell, sondern auch sprachlich. Dialektale Veränderungen führten zu einer Serie phonetischer und morphologischer Übergangsformen:

  • Alb → Alw / Elb / Elw / Elwe
  • –drude → –drick / –drieke / –dritsch / –tritsch / –trutschel

Solche Lautwandlungsprozesse sind in Dialektlandschaften normal und begünstigen oft semantische Verschiebungen. Die Verweichlichung und „Verniedlichung“ der Lautgestalt wirkt indirekt ebenfalls entdämonisierend.

6. Historische & regionale Varianten

Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten bekannten Namensvarianten der Albdrude/Elwedritsch zusammen. Sie dokumentiert die allmähliche Transformation vom Dämon zum Fabelwesen.

Region / Herkunft / KontextNamensform / Variante(n)Zeit / Erstbeleg (wenn bekannt)Quelle / ÜberlieferungAnmerkung / Besonderheit
Deutschsprachiger Allgemein-/mythischer Raum Albdrude17. Jh.klassische Dämonologie / VolksglaubenZusammensetzung aus Alb/Alp + Drude; typische Form für den „nächtlichen Druckgeist“.
Rhein / SüdwestdeutschlandAlpdrude / Alptrude19. Jh.Sammlung von Ludwig BechsteinZeigt, dass die „kompakte Dämonenform“ bis ins 19. Jh. literarisch dokumentiert war.
Rhein-/Pfälzer Raum (Dialekt)Albdricke / Alwedricke19.–20. Jh.regionale Wörterbücher / DialektlexikaVariante mit –drick(e) statt –drude; Lautwandel in zweiter Silbe.
Pfalz / Rhein-NeckarElbedritsch / Elbedritsche18.–19. Jh.Berichte über regionale SagengestaltenErste Stufe der sprachlichen Miniaturisierung / Umformung.
Pfalz (regional)Elwetritsch / Elwetritsche / Ilwedritschab 19. Jh.Volkskundliche QuellenHeute gebräuchlicher Name, vollständig entdämonisierte Gestalt.
Südhessen / Rheinhessen / BergstraßeElfetrutschel, Elbentritsch, Elbentritsche, Älwedrudschelebis ins 20. Jh.Dialektwörterbücher, VolkskundetexteÜbergangsstufen zwischen Dämon und Fabelwesen; starke regionale Diversität.
SchweizTrotterkopffrühe NeuzeitDialektwörterbücher, IdiotikonParallel zur Albdrude/Drude-Tradition; zeigt verwandte Mythoslinien.

7. Chronologische Zeitachse des Bedeutungswandels im deutschen Sprachraum

Frühmittelalter (9.—10. Jh.) – Alb/Mahr, dämonische Nachtgestalten, reine Angstbilder.

Hoch- und Spätmittelalter (11.–15. Jh.) – Alb/Mahr, Drude – beginnender Zusammenschluss der Nachtgeister, Dämonisierung verstärkt.

Frühe Neuzeit (16.–17. Jh.) – Fixierung in Hexen- und Dämonologie-Schriften; kulturelle Einbettung.

17. Jh. – Regionale Dialektformen: Albdrud, Albdricke, Alwedricke; erste sprachliche Miniaturisierung. Bedeutungswandel vom Bedrohlichen zum harmlosen Fabelwesen; Humor und Benign Violation setzen ein.

18. Jh. – Export nach Pennsylvania (Auswanderer); der ursprünglich dämonische Hintergrund ist bei der pennsylvanischen Elbedritsch auch heute deutlich erkennbar.

19. Jh. – Elbedritsch / Elwetritsch wird in schriftlichen Texten fassbar; ebenso die Albrude (Bechstein 1853)

20. Jh. – Regionale Maskottchen; Elwedritsch-Jagd; humorvolle Volksbräuche.

8. Synthese

Die Transformation vom Dämon zur Fabelgestalt verläuft über drei parallele Prozesse:

  1. Linguistische Transformation: Albdrude → Albedritsche → Elwedritsch
  2. Psychologische Entdämonisierung: Benign Violation, kognitives Reframing, Humor, symbolische Verbannung
  3. Kulturelle Institutionalisierung: vom Schlafzimmer in den Wald, Integration in Tourismus, Volksbräuche und regionale Identität

9. Literatur

Bechstein, L. (1853). Deutsches Sagenbuch. Leipzig: Wigand.

Freud, S. (1911). Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens. Leipzig: Internationaler Psychoanalytischer Verlag.

Hiwwe wie Driwwe. (2025, 2. Januar). Elbentritsch: Der von den Elben Gequälte. Abgerufen am 27. November 2025 von https://hiwwe-wie-driwwe.com/2025/01/02/elbentritsch-der-von-den-elben-gequalte/?utm_source=chatgpt.com

Hiwwe wie Driwwe. (2025, 11. Oktober). Die pfälzische Elwedritsch als Nachfahrin der nächtlichen Druckdämonen: Mahr, Albe, Drude und Trotterkopf (Schweiz). Abgerufen am 27. November 2025 von https://hiwwe-wie-driwwe.com/2025/10/11/die-pfalzische-elwedritsch-als-nachfahrin-der-nachtlichen-druckdamonen-mahr-albe-drude-und-trotterkopf-schweiz/?utm_source=chatgpt.com

McGraw, A. P., & Warren, C. (2010). Benign violations: Making immoral behavior funny. Psychological Science, 21(8), 1141–1149. https://doi.org/10.1177/0956797610376073

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