
Von Michael Werner
Ein Fan der Rockband Genesis war ich nie, weswegen ich ihren Song „Squonk“ aus dem Jahr 1976 auch nicht kannte. Dort singen sie über ein Wesen, das in den Hemlock-Wäldern Pennsylvanias lebt. Es ist so hässlich, dass es sich dort versteckt. Und es weint den ganzen Tag wegen seines Aussehens und seiner Einsamkeit. Man kann versuchen, es zu fangen, wird aber niemals erfolgreich sein. Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor?
„Der Jäger betritt den Wald: Ich komme, um meine Fähigkeiten mit deinen zu messen. Jetzt hör her, lauf nicht weg. Ich bin ein Freund. (Ich werde ihn täuschen, dann werde ich ihn in meinen Sack treten.) Ich habe dich, du wirst nie entkommen. Auf dem Heimweg in jener Nacht den Sack über meinem Rücken, das Geräusch von Schluchzen auf meiner Schulter … als es plötzlich aufhörte. Ich öffnete den Sack. Alles, was ich hatte, war: Ein Teich aus Blasen und Tränen, nur ein Teich aus Tränen.“ So singt – leicht gekürzt – Phil Collins im Lied „Squonk“.
Menschen haben Angst und finden Wege, das Böse rituell zu bannen – aber Menschen empfinden auch Mitleid und Scham. Von beidem handelt diese Geschichte. Um einen Anfang zu finden, muss kurz erläutert werden, was Elbedritsche sind. Zu dem Thema gibt es ein eigenes Buch: „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“. Es sei Lesern empfohlen, die hier tiefer einsteigen möchten. An dieser Stelle möchte ich nur eine kurze Zusammenfassung geben, soweit sie für den Squonk relevant ist.
Hinter der Elbedritsch steckt die Urangst vor der Nacht und vor bösen Einflüssen während der Dunkelheit. Das Thema ist so alt wie die Menschheit. Nachts starben Säuglinge, Schwangere, Wöchnerinnen und alte Menschen. Spätestens mit der Sesshaftwerdung versuchte man, die Schlafstuben mit magischen Symbolen, Sprüchen und Ritualen zu schützen. Das Phänomen wird erstmals in Mesopotamien greifbar, weil hier frühe Schrifttafeln Zeugnis ablegen. Angst und Abwehrstrategien wurden im fruchtbaren Halbmond auf die Nachbarn – Perser wie Juden – übertragen. Über indoeuropäische Wanderungsbewegungen und die jüdische Kulturgeschichte erreichte das kulturelle Muster das Rheintal. Was zunächst als Gottesstrafe angesehen wurde, schrieben die Menschen irgendwann anderen Menschen zu. Die Angst vor Hexen in der Nachbarschaft wuchs. Längst hatte das Phänomen einen Namen: Germanen sahen hier das Wirken sogenannter „Alben“ (vgl. Albtraum). Die Christen sprachen ab dem Mittelalter von Druden bzw. Albdruden. Jüdische Nachbarn sahen in dem bösen Einfluss den Dämon Lilith. Um die Angst zu bändigen, wurde in der Region rund um Mainz, Worms und Speyer die „Albdrude“ zur „Elwedritsch“ verkleinert und in den Wald gejagt. Danach begann man, ihr rituell im Rahmen einer Jagd nachzustellen – um sicher zu gehen, dass von ihr wirklich keine Gefahr mehr ausgeht.
Doch was hat das mit dem pennsylvanischen Squonk zu tun, einer über und über mit Warzen übersäten Kreatur, die fortlaufend wimmert und sich bei Gefahr in Tränen auflöst? Die Geschichte ist alt, wurde aber erstmals im Jahr 1910 von William T. Cox in seinem Buch „Fearsome Creatures of the Lumberwoods“ aufgeschrieben und veröffentlicht. Wir müssen die Jagd einer Elbedritsch und eines Squonk vergleichen:
Beiden wird nachgestellt, in der Nacht und vorzugsweise bei eisiger Kälte. Beide werden jedoch nie gefangen. Bei der Elbedritsche-Jagd bleibt offen, weshalb das so ist. Insoweit hat das kulturelle Muster in diesem Punkt eine Leerstelle. Diese Leerstelle wird bei der Squonk-Jagd argumentativ ausgefüllt: Das Tier kann nicht gefangen werden, weil es sich aus Furcht vor der Gefangennahme in einem See von Tränen auflöst. Insoweit ist das kulturelle Muster „Squonk-Jagd“ eine Weiterentwicklung des Musters „Elbedritsche-Jagd“. Es liefert eine Begründung des jagdlichen Nicht-Erfolgs.
Daneben löst es ein weiteres Dilemma der Menschen auf: Eine Elbedritsch – auch wenn es sich um eine geschrumpfte Albdrude und damit letztlich eine Hexe handelt – in den Wald zu verbannen, ist nicht nett. Hier wird jemand aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und muss fortan allein im Wald hausen. Dass dieses Geschöpf traurig – vielleicht auch depressiv – sein könnte, ist nachvollziehbar. Die Verantwortung hierfür übernehmen möchten die Menschen dann aber doch nicht: Die Verbannung ist demnach nicht die Ursache der Traurigkeit, sondern weil das Geschöpf findet, es sehe mit seinem warzenübersäten Körper so schrecklich aus und sei damit eine Zumutung für die Gemeinschaft. Auch Hexen gelten gemeinhin als hässlich und müssen von der Gesellschaft getrennt werden (weshalb sie in Märchen ebenfalls im finsteren Wald hausen). Die Warze stellt eine Verwandtschaft zur Kröte her. Historisch gesehen galten die Tiere als Hexengefährten, und es gab die Vorstellung, dass man Kröten als schädliche Magie vor Häusern vergraben könnte. Auch wurden Kröten bei der Zubereitung von Zaubertränken verwendet.
An diesem Beispiel kann man gut nachvollziehen, wie kulturelle Muster – die Wissenschaft spricht auch von „Memen“ – sich über die Zeit immer wieder verändern, um sie an neue Bedürfnisse anzupassen. Dass der Squonk ein Abkömmling der Elbedritsch ist, steht für mich jedenfalls außer Frage. In Johnstown im westlichen Pennsylvania feiert man zu Ehren des Squonks seit ein paar Jahren im August sogar ein Fest: die Squonkapalooza. Alles dreht sich hier um die vermeintlich traurigste Kreatur der Welt.
Mehr Infos gibt es hier: http://www.elwedritsch.de






















































