
2023 war ein wichtiges Jahr für die internationale Linguistik. Seit mehr als 200 Jahren diskutierten Sprachwissenschaftler, wo die indoeuropäischen Sprachen – eine Sprachfamilie mit 445 Varietäten und mehr als drei Milliarden Sprechern – ihren Ausgangspunkt hatten. Zwei Theorien standen im Raum: die Steppen-Hypothese und die Anatolien-Hypothese.
Forschende der Abteilung für Sprach- und Kulturevolution am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie haben vor einiger Zeit gemeinsam mit einem internationalen Team von mehr als 80 Sprachspezialisten einen neuen Datensatz erstellt, der einen ausgewählten Kernwortschatz in 161 indogermanischen Sprachen enthält. In der Veröffentlichung ihrer Studie schlagen die Forscher im Jahr 2023 eine neue hybride Hypothese für den Ursprung der indoeuropäischen Sprachen vor, mit einer endgültigen Urheimat südlich des Kaukasus.
Wolfgang Haak, Gruppenleiter in der Abteilung für Archäogenetik am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, fasst die Bedeutung der neuen Studie zusammen: »Abgesehen von einer verfeinerten Zeitschätzung für den gesamten Sprachbaum sind die Baumtopologie und die Verzweigungsreihenfolge von entscheidender Bedeutung für die Übereinstimmung mit archäologischen Schlüsselereignissen und sich verändernden Abstammungsmustern, wie sie in den Genomdaten damals lebender Menschen zu finden sind. Dies ist ein großer Schritt weg von den sich gegenseitig ausschließenden, früheren Szenarien hin zu einem plausibleren Modell, das archäologische, anthropologische und genetische Erkenntnisse integriert.«

Wenn man sich die verschiedenen Varianten des Wortes “Bruder” in den diversen indoeuropäischen Sprachen ansieht, wird der kulturhistorische Zusammenhang der verschiedenen Sprachgruppen deutlich. Es wäre jedoch zu kurz gegriffen zu glauben, dass bei der Wanderung der indoeuropäischen Völker über einen Zeitraum von vielen tausend Jahren nur die Sprache in immer neue Räume transportiert wurde, wo sie dann von den einzelnen Gruppen jeweils verändert wurde. Auch andere kulturelle Muster – Bräuche, Speisegewohnheiten und religiöse Rituale – waren selbstverständlich im Gepäck und haben sich in den Zielregionen der Wanderungen dann eigenständig weiterentwickelt.

Die Verbindung von Linguistik, Genetik, Archäologie und Anthropologie hat in den vergangenen zehn Jahren zu bahnbrechenden Erkenntnissen geführt, die Auswirkungen auch auf kulturwissenschaftliche Interpretationen einzelner Phänomene wie der “Elwedritsch” haben. Ältere Sichtweisen auf das Thema – wie die des Volkskundlers Helmut Seebach – könnten vor diesem Hintergrund einer Revision bedürfen.
Wer meint, die derzeitige Forschungslage zum indoeuropäischen Sprach- und Kulturzusammenhang in Frage stellen zu können, sollte Antworten mit aktuellen Forschungsbelegen und aktueller Literatur bereitstellen – und nicht nur der eigenen. Es nutzt nichts, die Erkenntnisse der letzten Jahre auszublenden und auf einem Wissensstand zu argumentieren, der zwischenzeitlich überholt ist.
Das Max-Planck-Institut (siehe Zitat oben) sieht den eindeutigen Zusammenhang zwischen Genetik, Archäologie, Linguistik und Anthropologie im Kontext der indoeuropäischen Wanderungsbewegungen. Diese Erkenntnis ist die Grundlage meines Buches.






















































