
Eine Würdigung
Manchmal braucht man lange, um zu bemerken, wie wichtig die Bekanntschaft einer Person für einen selbst gewesen ist. Man nimmt die Begegnungen, wie sie kommen – und entdeckt erst viele Jahre später, welch entscheidende Schalter im Rahmen dieses Austauschs umgelegt wurden. So ging es mir mit Prof. Don Yoder (1921-2015), der in vielerlei Hinsicht ein „Jahrhundertmann“ und eine Legende war.
Don Yoder hatte ich mit Rolands Pauls (1951-2023) Hilfe zweimal in einer Bibliothek getroffen, aber da der Kontakt aufgrund des gemeinsamen Interessensgebietes der pfälzisch-amerikanischen Nordamerikaauswanderung nun immer enger wurde, legte Roland mir einen längeren Besuch in Don Yoders Landhaus in Devon (PA) nahe. Ich wusste, dass Roland bei seinen längeren Pennsylvania-Aufenthalten immer in der kolonialen Villa von Don Yoder wohnte – und Don war bereit, mich auch privat zu empfangen, so dass ich in den Jahren zwischen 2000 und 2015 immer einmal wieder für mehrere Stunden Gelegenheit hatte, mich mit einem der Väter der pennsylvanisch-deutschen Volkskunde auszutauschen. Immerhin war Don Yoder einer der Gründer des Kutztown Folk Festivals im Jahr 1951 – diese traditionsreiche Veranstaltung fand 2024 leider zum letzten Mal statt.
Mit Don sprach ich über Geschichten, die ich im Rahmen meiner linguistischen Studien auf Band aufgenommen hatte, und die mir zum Teil als Pfälzer eigenartig vertraut vorkamen. Bei anderen stand ich völlig im Wald und konnte mir auf nichts einen Reim machen: Da sprach eine Frau von einem „Bucklich Maennli“, das bei ihr neben dem Herd in einer unaufgeräumten Ecke der Küche wohnte. Ein Mann berichtete von einer Vogelscheuche auf dem Feld, die er „Butzemann“ nannte und die Opfergaben erhielt. Ein anderer machte alljährlich im März eine Prozession um sein Grundstück herum, sagte eigenartige Sprüche und legte in allen Ecken Samen als Geschenke für Elfen ab und Teile eines Fisches für Katzen, die einer Gottheit mit Namen „Freya“ gehörten. Es waren ganz seltsame Geschichten, die irgendwie nicht und irgendwie doch zusammenpassten.

Die Menschen in Pennsylvania hatten mir über Jahre diese Geschichten erzählt, und weil ich mich zu dieser Zeit vorwiegend mit sprachlichen Phänomenen beschäftigte, hatte ich die Inhalte ihrer Erzählungen zunächst nicht wirklich an mich herangelassen. Die einzelnen Phänomene blieben einfach unverbunden und unverknüpft in einer Hinterstube meines Hirns. Bis zu einem besonderen Tag: Da fand ich in einem Kochbuch das Rezept für Hirschgeweihkekse („antler cookies“), die im Februar gebacken werden, um sie im Wald als Opfergabe für den „Waldmops“ abzulegen.
Ich sprach seinerzeit mit jemandem, der diesen Brauch noch kannte. Auf einmal merkte ich, dass diese Geschichte ein „missing link“ sein könnte – das letzte „Puzzle-Teil“. Von diesem kulturellen Muster aus geschaut fügten sich die anderen Geschichten jetzt auf einmal wundersam zusammen und ergaben ein stimmiges Bild. Und wenn ich darauf schaute, fanden jetzt auf einmal auch die Elwedritsche ihren eindeutigen Platz. Konnte es sein, dass sich mir in Pennsylvania eine Tür geöffnet hatte, um über die kulturellen Praktiken der Pennsylvania-Deutschen einen Blick auf die Pfalz und die Pfälzer im 18. Jahrhundert zu erhalten?
Heute kann ich sagen, dass das genau so ist. Don Yoder, mit dem ich lange hierüber sprach, stimmte mir jedenfalls zu. Ich gehe deshalb einen Schritt weiter und sage, man kann die Pfalz vielleicht überhaupt nur verstehen, wenn man die für die Pfalz relevanten Auswanderungsgesellschaften besucht und von ihnen lernt, wie unsere Vorfahren vor 300 Jahren gelebt und gedacht haben. Auf einmal wird es dann möglich zu erkennen, was wir von der Pfalz aus nicht sehen. Um bei den Elwedritsche zu bleiben – eines sind letztere ganz sicher nicht: Fabeltiere.
Don Yoder „atmete“ die pennsylvanisch-deutsche Kultur, und er hat mich gelehrt, kulturelle Muster nicht mit meinen eigenen Augen anzuschauen, sondern mit den Augen derjenigen, die sie praktizieren. Auch in diesem Punkt habe ich lange gebraucht zu verstehen, was er meint. Aber irgendwann ist mir klar geworden, dass wir in der Pfalz auch deshalb nicht verstehen, was zum Beispiel Elwedritsche sind, weil wir nicht bereit sind, unsere Perspektive als aufgeklärte Menschen des 21. Jahrhunderts aufzugeben und uns in die Perspektive der Menschen zu begeben, die vor vielen hundert Jahren in unserer Region lebten.
Ein Tritschologe aus der Pfalz (nicht aus Landau!) hat mir in einem Gespräch einmal gesagt, er könne ein Buch über Elwedritsche in zwei Wochen schreiben, wenn es sein müsse. Ich habe ihn zu dieser Fähigkeit beglückwünscht. Ich habe 30 Jahre gebraucht, um die Zusammenhänge zu sehen. Don Yoder wäre sicherlich ebenfalls sehr beeindruckt gewesen. Seine Buchprojekte nahmen üblicherweise auch einen langen Zeitraum in Anspruch. Man konnte bei der Lektüre seiner Publikationen aber immer sicher sein, neue Erkenntnisse zu gewinnen.
































































