
Es ist eine Wendung, mit der ich als Autor selbst nicht gerechnet hatte: Elwedritsche sind Personifikationen von Urängsten, die wir Menschen gebändigt und in den Wald verbannt haben – sie sind weder unerklärliche “Fabeltiere” noch “fantastische Tierwesen”.
Rund 30 Jahre sind mir Elwedritsche in Erzählungen von Pennsylvania-Deutschen bei meinen Reisen in Amerika immer wieder begegnet. Ich habe sie ehrlicherweise überhaupt nicht gesucht und zunächst wenig beachtet – vielleicht konnte ich ihnen gerade deshalb am Ende auf die Schliche kommen.
Es gab allerdings Umwege, weil mir das Ziel der Reise einfach nicht klar war. Bereits in den 2000er Jahren fiel mir auf, dass mich viele der eigenartigen Sitten der Pennsylvania-Deutschen an Opferriten von frühen Bauern des Neolithikums erinnerten. Und ein spezieller Brauch, der mit der Jagd zusammenhängt, weist für mich sogar in die Zeit der Jäger und Sammler. Zusammengenommen ergaben die kulturellen Muster ein klares Bild: Hier hatten Menschen Rituale entwickelt, um Ängste zu bearbeiten. Reste davon haben sich in Pennsylvania erhalten.
Das war der Startpunkt. Von hier aus ging es für mich (ab etwa 2010) in Richtung Gegenwart durch die Geschichte: durch Bronze- und Eisenzeit, vorbei an Germanen, Römern und Kelten bis hin zur Auseinandersetzung der christlichen Franken mit den heidnischen Sachsen und der Unterwerfung des Sachsenkönigs Widukind durch Karl den Großen. Wo sich das Christentum breit machte, suchten sich die alten heidnischen Riten ihre Nischen, um zu überleben. Hier gibt es ganz viele Beispiele aus dem Pennsylvania Dutch Country, die zeigen, wie dies gelungen ist.
Immer ging es um die Bearbeitung von Ängsten – beim Beten in christlichen Kirchen ebenso wie bei Bräuchen, die mit jetzt dämonisierten heidnischen Gottheiten in Zusammenhang standen. Und hier an der Kante zwischen Heidentum und Christentum gab es sich erstmals zu erkennen: ein Geschöpf der Nacht, das den eigentlichen Beginn meiner Reise zu den Elwedritschen darstellt. Die Umrisse wurden in der Zeit der Reformation und des 30jährigen Krieges immer klarer.
Aber mit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts fiel für die gebildeten Stände manche Tür zur eigenen Vergangenheit zu. Und das Geflecht an Ritualen und Bräuchen, die nur in ihrer Gesamtheit erlauben, auch das Wesen der Elwedritsche zu erkennen, geriet in Vergessenheit. Das komplette Ökosystem an alten kulturellen Mustern war – bis auf ein paar klägliche Reste – bei uns in Deutschland nicht mehr vorhanden.
Nicht aber in Pennsylvania! Die Auswanderer aus der Kurpfalz und angrenzenden Regionen hatten ihre Heimat bereits vor der Aufklärung verlassen, und deshalb hat sich das Geflecht an kulturellen Mustern bis heute besser erhalten als in unserer südwestdeutschen Heimat – zumal mehrere Kriege im 19. und 20. Jahrhundert hierzulande zusätzliche Schäden auch im kulturellen Bewusstsein der Menschen angerichtet haben. Wer nach einem Krieg nur nach vorne schauen will, vergisst das, was gewesen ist. In Pennsylvania aber leben Menschen zum Teil in der 12. Generation noch auf dem gleichen Bauernhof, den der ursprüngliche Auswanderer im 18. Jahrhundert gegründet hatte. Was damals da war, gibt es noch immer.
In der Pfalz hingegen füllte eine neue Pseudo-Wissenschaft das entstandene Vakuum: die “Tritschologie”. Wenn man schon nicht mehr wusste, was Elwedritsche sind, dann wollte man diese Unwissenheit wenigstens wortreich und vergnüglich zum Besten geben. Es ist eine wunderbare Tradition, die absolut ihre Berechtigung hat. Aber sie kann keinen Beitrag leisten bei der Beantwortung der Frage, was hinter dem kulturellen Muster der Elwedritsche wirklich steckt.
Ich bin Linguist, und als solcher hat man auch immer die Sprachgeschichte mit im Kopf. Bei uns in Deutschland bedeutet das, im Blick zu behalten, dass das Deutsche zu den indoeuropäischen Sprachen gehört, die sich etwa ab dem Jahr 6000 v. Chr. ausgehend von einer Region im nördlichen Iran in westliche und östliche Richtung ausgebreitet haben – bis nach Portugal im Westen und Indien im Osten.
Ich habe mir eine einfache Frage gestellt: Könnten sich in den verschiedenen indoeuropäischen Sprachen ähnliche kulturelle Muster wie das der “Elwedritsche” erhalten haben? Sie kommen alle aus dem fruchtbaren Halbmond und haben eine lange Geschichte und einen weiten Weg hinter sich. Und tatsächlich wurde ich fündig: in den Niederlanden ebenso wie in Polen, in Anatolien bei Kurden und etwas weiter östlich bei Jesiden – aber auch in Indien, wo sich in vedischen Texten Vergleichbares erhalten hat. Man kann nicht sagen: Elwedritsche gibt es überall. Man kann aber sagen: In verschiedenen indoeuropäischen Sprachen haben sich Reste dessen erhalten, was hinter den Elwedritschen steckt.
Heute habe ich eine KI gebeten, eine kurze Zusammenfassung meines Buches zu verfassen. Das kam dabei heraus: “Das Buch „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“ von Michael Werner untersucht die soziokulturellen Ursprünge der pfälzischen und pennsylvaniadeutschen Elwedritsche-Tradition. Werner verknüpft jahrzehntelange Recherchen in den USA und Europa mit historischen und sprachwissenschaftlichen Analysen, um das Phänomen als Ausdruck uralter Ängste und kultureller Muster zu interpretieren, die bis in die indoeuropäische Vergangenheit zurückreichen. Der Autor verfolgt die Entwicklung von religiösen Vorstellungen, Brauchtum und Aberglauben, die mit der Elwedritsche in Verbindung stehen, und beleuchtet deren Wandel im Laufe der Geschichte. Das Buch verwebt dabei Mythen, Rituale und Volksglauben zu einem umfassenden Bild.”
Mir war immer klar gewesen, dass es keine Aliens waren, die die Elwedritsche im Pfälzerwald abgesetzt haben. Deshalb gilt: Für alles, was da ist, gibt es eine Erklärung. Ich denke, im Fall der Elwedritsche ist sie jetzt gefunden. Mein Buch, das im Frühjahr nächsten Jahres erscheint, erzählt diese Geschichte.
Die Crowdfunding-Kampagne für das Projekt startet am 5. Januar 2025. Alle Informationen gibt es hier: https://www.startnext.com/elwedritsche-dunkle-gefaehrten






















































