Carroll Bingaman – Der Pionier

Carroll Bingaman und Michael Werner (1995)

Eine Würdigung

Carroll Bingaman (1914-2001) hat das Programm von „Hiwwe wie Driwwe“ gelebt, lange bevor es „Hiwwe wie Driwwe“ gab.

Ich traf ihn erstmals im Herbst 1993 am Institut für deutsche Sprache (IdS) in Mannheim, wo ich während der Zeit meiner Promotion am „Deutschen Spracharchiv“ bei Dr. Peter Wagener arbeitete. Wir Doktoranden transkribierten Dialektaufnahmen und erstellten so Korpora für die weitere linguistische Bearbeitung. Zu meinem Einsatzbereich gehörten das Pfälzische, das Pennsylvania-Deutsche und weitere rheinfränkische Siedlungsmundarten im östlichen Europa. Auf einmal stand er in der Tür: ein älterer Herr von etwa 1,60 Metern, aber mit fester Stimme und klarem Programm.

„Ich kumm neegscht alle Yaahr in die Palz“, erklärte er. Bingaman war ein ehemaliger Meteorologe aus Reading (PA), unverheiratet und reiselustig. Schon 1932 war er als junger Mann auf Reisen am Rhein unterwegs. Es hat ihm so gut gefallen, dass er immer wieder kam – während der 1930er Jahre ab und zu und später dannn, nach dem Krieg, jährlich immer wieder so verlässlich wie die Ankunft des Frühlings nach einem langen Winter.

„Ich gleich schwetze mit die Leit“, erklärte er dann. „Mei Urgroossmudder waar vun Edenkoben aus Bayern“. Damit gab er sich als jemand zu erkennen, den die echten Pennsylvania-Deutschen bis vor ein paar Jahren noch etwas schräg angeschaut hätten. Ein „echter Dutchman“ hatte nämlich einen Stammbaum zu haben, bei dem die Amerika-Auswanderer aus der Kurpfalz und angrenzenden Regionen in die englische Kolonie Pennsylvania emigrierten. Carrolls Uroma hingegen wanderte 1842 aus der bayrischen Pfalz in die USA aus. Lange Zeit galt das drüben nicht, und so einer konnte nicht einmal Mitglied der altehrwürdigen „Pennsylania German Society“ werden. Das hat sich zwischenzeitlich geändert.

Carroll Bingaman in Freinsheim (1996)

Am liebsten hielt Carroll sich am Institut für deutsche Sprache auf und uns alle von der Arbeit ab. Der Zufall wollte es, dass einmal auch ein Wolgadeutscher aus Kansas zur gleichen Zeit zu Besuch war. Wir packten die Gelegenheit beim Schopfe und ließen die beiden Mundartsprecher, die sich nicht kannten, miteinander plaudern. Das klappte erstaunlich gut.

Der alte Herr setzte sich aber auch gerne auf eine Parkbank am Mannheimer Wasserturm und fing Gespräche mit älteren Damen an: „Was denkscht, wu ich herkumm?“, eröffnete er die Plauderei üblicherweise. Und wenn die Angesprochene ihn dann als jemand von Frankenthal, Bad Dürkheim oder Grünstadt verortete, war er selig.

„Ich denk, ich kumm nimmie“, sagte er eigentlich jedes Mal beim Abschied. „Des waar’s letscht Mol.“ Und doch stand er verlässlich im nachfolgenden Jahr wieder vor der Tür. Ich kümmerte mich während seiner Aufenthalte ein wenig um ihn und machte ein paar Ausflüge, etwa nach Bockenheim, zu meiner Großmutter nach Ebertsheim oder zu unserer Verwandtschaft in der Kuseler Gegend. Meine Oma Ella Borger (1906-1998) wollte er vom Fleck weg heiraten und sich ganz in der Pfalz niederlassen. Aber sie hat „nein“ gesagt.

Es gibt nicht allzu viele Fotos aus dieser Zeit, weil man in den 1990ern ja noch analog fotografierte. Bei mir erfolgte der Umstieg auf eine erste Digitalkamera Anfang 2003.

Carroll Bingaman im Weingut Wöhrle in Bockenheim (1996)

Carroll ist der einzige Pennsylvania-Deutsche, den ich ausschließlich in der Pfalz getroffen habe. Wenn ich es recht bedenke, hat er wahrscheinlich auch einen wesentlichen Beitrag geleistet, dass es heute das Projekt „Hiwwe wie Driwwe“ gibt. Wir sprachen viel über den Austausch zwischen Deutschland und Amerika, die Kultur und die Sprache. Und er machte vor, dass weder Alter noch Distanz ein Grund sind, NICHT auf die andere Seite des Atlantiks zu reisen.

Es gab natürlich Anfang der 1990er Jahre schon Menschen, die eifrig an dieser Atlantik-Brücke bauten – etwa Roland Paul (1951-2023) und Karl Scherer vom Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde in Kaiserslautern, das Ehepaar Werner vom Auswanderermuseum Oberalben, Garry Waltner vom Mennonitischen Forschungszentrum Weierhof oder Hermann Jäger aus der Südpfalz – Carroll Bingaman aber gehörte auch dazu, lange bevor ich das Interesse entwickelte und zu diesem Kreis hinzustieß. Er war in diesem Sinne ein echter „Hiwwe wie Driwwe“-Pionier.

Der Pälzylvanier

Carroll Bingaman in Ebertsheim, Neuleiningen und Edenkoben (1998)

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