Verna Dietrich – Die Bissniss Fraa

Verna Dietrich aus Krumsville (2015)

Zum Andenken an Verna Dietrich (1931-2024)

Am 7. August verstarb die Gründerin von „Dietrich’s Meats & Country Store“ in Krumsville, Verna Dietrich. Sie wurde 93 Jahre alt. Ich kannte Verna seit Jahrzehnten, denn seit meinen ersten Besuchen in Pennsylvania in den 1990er Jahren habe ich immer wieder in Krumsville gestoppt, um in ihrer 1975 eröffneten Metzgerei einzukaufen. Nicht, dass ich unbedingt etwas gebraucht hätte. Ich wusste, dass ich bei ihnen im Laden „in pennsylvanisch-deitsch“ reden kann. Verna sprach die Mundart und hatte sie auch an ihre Kinder weitergegeben.

Ich habe mich bei ihr im Laden und in Hinterzimmern auch deshalb immer gerne aufgehalten, weil es in unserer Familie in der Westpfalz noch immer Verwandte gibt, die eine Metzgerei führen. Wenn wir Mundart sprachen, erinnerte mich das immer an Gespräche im Familienkreis zu Hause. Auch der Geruch im Haus war ähnlich.

Verna Dietrich und Michael Werner beim Kutztown Folk Festival (2017)

Ich habe noch im Kopf, dass ich 2015 mit einem besonderen Auftrag auf ihrem Geschäftsparkplatz anhielt. Ein deutscher Professor hatte mich gebeten herauszufinden, ob in Pennsylvania früher nach einer Hausschlachtung unter den Schlachtern Schnaps herumgereicht wurde. Er kannte die Sitte von Jägern und sah darin ein Ritual, das den Prozess des Zerlegens von Fleisch offiziell beendete. Sie wusste nichts davon zu berichten, stellte aber einen Kontakt zu einer lokalen Bäuerin her, die eine Schweinefarm führte. Dort wohnte ich einige Tage später – es war Februar und sehr kalt – einer Schlachtung bei. Zum Glück kam ich erst um acht Uhr morgens auf der Bauerei an, da war das Wesentliche schon passiert, und Fleisch, Organe und Köpfe lagen schon sortiert in verschiedenen Behältnissen. Die Schlachter frühstückten, unterhielten sich in Pennsylvanisch-Deutsch und lachten. Auch sie tranken keinen Schnaps, und von einer entsprechenden Sitte hatten sie auch noch nichts gehört.

Zurück zu Verna: Sie war eine lokale Berühmtheit und sehr mit dem Kutztown Folk Festival verbunden. Eigentlich traf man sie immer irgendwo auf dem Festival-Gelände an – vor Jahren noch gut zu Fuß, in letzter Zeit dann eher auf ihrem Rollator. Und sie hatte immer etwas zu erzählen. Dass wir uns so gut verständigen konnten, überraschte sie immer aufs Neue: „Du bischt aus em alte Land, gell! Mer kann sell schiergaar net glaawe.“  Soweit ich weiß, war sie nie in Deutschland gewesen.

An der Wand in ihrem Geschäft hing ein Foto von Peer Steinbrück, der sie 2013 besucht hatte, als er Kanzlerkandidat war und nach einem Termin in Philadelphia eine kleine Tour durchs Pennsylvania Dutch Country machte. Der Entourage nach konnte Verna erkennen, dass der Mann in Deutschland wichtig sein musste. Wer er genau war, wusste sie aber, glaube ich, nicht.

Verna Dietrich und Doug Madenford im Gespräch (2017)

Als „Hiwwe wie Driwwe – Pfälzisch in Amerika“ im Jahr 2017 in Pennsylvania gedreht wurde, besuchte Doug Madenford sie natürlich in ihrem Laden, um sie zu interviewen. Es ging – was sonst – um Saumagen. Natürlich gibt es das Gericht auch in Pennsylvania, aber es wird anders gemacht und schmeckt auch anders. Das einzig gemeinsame ist, dass ein Saumagen zum Einsatz kommt, der die weiteren Zutaten aufnimmt.

Mich erinnerten Gespräche mit ihr immer auch ein wenig an meine Großmutter Ella Borger (1906-1998) in Ebertsheim, die ebenfalls aus einem Bauernhaushalt stammte. Wenn Verna aus ihrer Kindheit vor dem Krieg erzählte, war das einer Kindheit in einer pfälzischen Bauersfamilie offensichtlich recht ähnlich.

Von Bekannten weiß ich, dass man der Metzgerin Verna Dietrich manchmal nachsagte, beim Wiegen „einen schweren Daumen“ zu haben. Das fand ich immer lustig, glaube es aber nicht. Das passt nicht zu einer Pennsylvania-Deutschen. Es konnte aber vorkommen, dass man als junger Mann angesprochen wurde, wenn man öfter seine Freundin wechselte: „Du waarscht doch der letscht Munet noch mit en anner Meedli do gewesst – wu iss sie dann?“ Das konnte zu peinlichen Situationen führen, wie mir mehrfach lachend berichtet wurde.

Kurzum: An der „Bissniss Fraa“ (manche sagen auch „Schtorkierpern“) Verna Dietrich ging in den letzten Jahrzehnten im Raum Kutztown wenig bis nichts vorbei. Sie war eine Institution, die fehlen wird. Ihre Familie bleibt dem Folk Festival verbunden. Sie hinterlässt drei Söhne, acht Enkel und acht Urenkel. Ein Urenkel von ihr – Owen Kutz – ist zwar noch in der Grundschule, tritt aber schon selbstbewusst auf der Hauptbühne des Festivals auf und singt mit den alten Hasen, Keith Brintzenhoff und Dave Kline. Das ist schön zu sehen. Mach’s guud, Verna!

Der Pälzylvanier

Comments are closed.